Literatur

Schirach: „Menschen zu verurteilen, fällt mir schwer“

Ferdinand von Schirach legt mit „Strafe“ einen neuen Erzählband vor. Der Berliner Autor über Verbrechen, einsame Paare und das Leben.

2009 veröffentlichte Ferdinand von Schirach mit „Verbrechen“ den ersten Erzählband, sein neues Buch „Strafe“ beendet die Trilogie

2009 veröffentlichte Ferdinand von Schirach mit „Verbrechen“ den ersten Erzählband, sein neues Buch „Strafe“ beendet die Trilogie

Foto: Reto Klar

Berlin. „Strafe“ hat Ferdinand von Schirach seinen Erzählband genannt, der am heutigen Montag erscheint (Luchterhand, 192 Seiten, 18 Euro). Der Anwalt erzählt in den zwölf Geschichten vom Leben, das über Jahre sich nicht zu verändern scheint und es nur wenig bedarf, damit morgen nichts so wie heute ist. Die Erzählung „Lydia“ beginnt wie folgt: ,„Ich habe einen anderen Mann kennengelernt”, sagt Meyerbecks Frau. Es ist Sonntagvormittag. Auf ihrem Teller liegt ein Aufbackbrötchen, sie rührt es nicht an. Meyerbeck dagegen hat Hunger.“ Meyerbeck ist ein menschenscheuer Programmierer, „der seine Anweisungen lieber schriftlich bekommt“. Später wird er glücklich mit der Sexpuppe Lydia zusammenleben und noch später wird er vor Gericht stehen, weil er seinen Nachbar mit dem Baseballschläger verprügelt hat.

Mit „Strafe“ beendet Ferdinand von Schirach seine Trilogie: „Verbrechen“, „Schuld“, Strafe“. „Es war immer klar, dass ich diese drei Bände schreiben wollte, weil es ja auch die Prüfungsreihenfolge bei Gericht ist“, sagt er, „erst wird geprüft, ob ein Verbrechen vorliegt, dann wird nach der Schuld des Täters gefragt und wenn beides zutrifft, wird eine Strafe ausgesprochen.“ Wir haben ihn im Restaurant „Lubitsch“ in Charlottenburg getroffen.

Herr von Schirach, arbeiten Sie noch als Anwalt?

Ferdinand von Schirach: Nein. Zum einen würde ein kleiner Fall eine Aufmerksamkeit erhalten, der ihm überhaupt nicht zusteht. Zum anderen könnte es sein, dass ein Richter meine Bücher furchtbar findet und die Abneigung dann an meinen Mandanten unbewusst auslassen würde. Das Risiko kann ich niemandem zumuten.

Wären Sie ein guter Richter?

Ich fürchte nicht. Menschen zu verurteilen, fällt mir schwer. Als Richter müssen Sie ein anderes Verständnis der Welt haben. Der Richter muss sich über jeden vernünftigen Zweifel sicher sein, dass es richtig ist, jemanden für 15 Jahre ins Gefängnis zu schicken. Mich würden solche Entscheidungen lange quälen.

Über den Anwalt Schlesinger schreiben Sie in einer Erzählung: „Er hatte immer geglaubt, er stehe auf der richtigen Seite.“ Gilt das auch für Sie?

Gemeint ist die Seite des Rechts. Schlesinger zerbricht an einem Fall, das kann passieren. Es gibt Menschen in der Strafjustiz, die irgendwann zynisch werden oder zu trinken beginnen.

Ist für Sie daher das Leben jetzt einfacher, da Sie Schriftsteller sind?

Das Leben wird ja nie wirklich einfacher, es gibt keine Ferien vom „Ich“. In der letzten Geschichte habe ich es beschrieben: „Nach den 20 Jahren als Strafverteidiger blieb nur ein Karton übrig, Kleinigkeiten, ein grüner Füllfederhalter, der nicht mehr gut schreibt, ein Zigarettenetui, das mir ein Mandant geschenkt hatte, ein paar Fotos und Briefe. Ich dachte, ein neues Leben wäre leichter, aber es wurde nie leichter. Es ist ganz gleich, ob wir Apotheker oder Tischler oder Schriftsteller sind. Die Regeln sind immer ein wenig anders, aber die Fremdheit bleibt und die Einsamkeit und alles andere auch.“

Kafka, Gabriel García Márquez, Louis Begley, Goethe – warum die Häufung von Juristen unter Schriftstellern?

Schriftsteller und Juristen leben von Sprache. Der Strafverteidiger erzählt die Geschichten seines Mandanten. Der Richter urteilt später über diese Geschichten und ein wenig sind die Leser auch die Richter des Schriftstellers.

Warum ist in Ihren Erzählungen der Gerichtssaal immer der profanste Ort auf Erden?

Ein Gerichtssaal hat nun mal nichts Glamouröses. Das Ungewöhnlichste dort ist vielleicht die Konzentration und die Strenge des Rechts. Und es gibt keine unendlichen Diskussionen, sondern es muss entschieden werden. Das unterscheidet ihn von unserem täglichen Leben oder von der Politik.

Was muss eine Geschichte haben, damit Sie sie für erzählenswert halten?

Wenn etwas über die Erzählung selbst hinausragt. Von einem Psychopathen zu erzählen ist im Grunde langweilig, denn seine Taten sind uns zu fremd, sie gruseln uns nur, aber sie berühren uns nicht. Die Geschichte über einen ganz normalen Mann, der seine Frau nach vierzig Jahren nicht mehr erträgt, kann uns etwas über uns selbst erzählen.

Landläufig gibt es die Vorstellung, dass die Herkunft für das Erwachsenenleben prägend ist. Bei Ihnen hat man zuweilen den Eindruck, dass es zwei unabhängige Stränge sind.

Wir sind nicht allein unsere Herkunft, sondern vor allem das, was wir tun. Die Herkunft zwingt uns nicht zu bestimmten Ansichten oder Handlungen.

Kann man der Herkunft entfliehen?

Wenn wir daran nicht mehr glauben, wenn wir nicht mehr glauben, dass es einen freien Willen gibt, wäre das das Ende unserer Freiheit, unserer ganzen westlichen Gesellschaft.

An der Küste Sardiniens glaubt man unterscheiden zu können, wer reich geboren wurde und wer ein Aufsteiger ist.

Das können Sie auch an anderen Orten. Wenn es in einer Familie seit ein paar Generationen Geld gibt, werden die Statussymbole unwichtiger. Aber weder Reichtum noch Armut zwingt Sie dazu, Verbrechen zu begehen. Es sind ganz andere Mechanismen, die dazu führen.

Ist Ihr Menschenbild fatalistisch?

Nein, überhaupt nicht. Wie kommen Sie darauf?

In Ihren Erzählungen sind die Menschen nicht berechenbar und werden kriminell, wenn sich die Gelegenheit bietet, egal, wie ihr Vorleben war. Jeder sozialpolitische Ansatz ist vergebens.

Verbrechen werden meistens aus einer unglücklichen Verkettung von Umständen geboren, kaum jemand will sie wirklich begehen. Aber Sie haben recht, vordergründig spricht alles dafür, aufzugeben. Wir wissen, dass es in unserer Galaxie 100 Milliarden solche Sonnensysteme gibt. Und wir wissen, dass es 100 Milliarden solcher Galaxien gibt und dass alles zusammen nur zehn Prozent unseres Weltraums ausmacht. Der Rest ist leer und 270 Grad kalt. Wir haben in den beiden vergangenen Jahrhunderten alle Sicherheit verloren. „Gott ist tot“, sagte Nietzsche und die Wissenschaft konnte ihn nicht ersetzen. Dennoch: Genau diese Kälte, unsere Verlassenheit im Universum – das ist der Grund, warum wir zusammenhalten müssen.

Mutmachend klingt das nicht.

Die Idee ist, wie Schopenhauer es gesagt hat, ein „verhaltendes Mittun“, das ist zumindest meine Haltung zum Leben. Ich lebe nicht euphorisch, dafür ist alles zu anstrengend, aber ich lebe ganz gerne.

Es gibt einen Typus Mensch, der bei Ihnen immer wieder auftaucht: Einsam, mittelalt, kontaktscheu, niedergeschlagen, immer leicht beschädigt. Wo sind die anderen, die Selbstsicheren, die Wütenden, die Blasierten?

Das ist jetzt etwas intim, aber man schreibt ja auch immer über sich selbst. Wir sind krumm und schief in diese Welt gestellt und ich glaube, ein wesentliches Merkmal unserer Zeit ist die Einsamkeit. Selbst Menschen, die seit Jahren in engen Beziehungen leben, können einsam sein.

Woher kommt das?

Denken Sie an die intensivsten Erinnerungen, die Sie haben. Sie sind bei uns allen nicht mit Glück oder Liebe verbunden, sondern mit Scham. Die schamvollsten Momente können wir nicht vergessen. Oft schämen wir uns so sehr vor uns selbst, dass wir niemand davon erzählen können. Und das führt in die Einsamkeit. Selbst der Mensch, mit dem Sie zusammenleben, merkt es nicht. Und dadurch wird es schlimmer.

Die Soziologin Eva Illouz hat von Paaren erzählt, die seit 20 Jahren zusammen sind und jede Woche darüber diskutieren, ob sie sich trennen sollen. Das ist auch die Hölle.

Es gibt Schlimmeres: Paare, die sich seit 20 Jahren trennen wollen und nie darüber sprechen können.

Das ist die andere Hölle.

Jeder liegt abends im Bett und fragt sich, wie sage ich es dem anderen nur? Was passiert mit mir, wenn ich es tue?

Wenn es so ist, dass sich Menschen einsam fühlen, wird das ein Grund sein, warum Ihre Bücher so beliebt sind.

Ganz gleich, ob Sie Musik hören, Bücher lesen oder ein Bild ansehen – es gibt nur zwei Kriterien: Berührt uns, was wir sehen, hören oder lesen? Und zeigt es uns, dass wir nicht alleine sind. Ich glaube, dass die Einsamkeit auch zum Lesen führt. Es ist das Band zwischen dem Schreibenden und dem Lesenden, sie beide gehören zur gleichen Gemeinschaft.

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