17 Studioalben, über 24 Millionen verkaufte Platten, mehr als 30 Jahre Erfahrung im Musikbusiness. Wenn man Erasure eins nicht absprechen kann, dann ist das lang anhaltender Erfolg. Am Donnerstagabend spielte das Duo in der ausverkauften Columbiahalle in Tempelhof. In der Mitte der Bühne steht ein übergroßer Tisch, der an ein Ikea-Modell erinnert. Auf ihm thront Vince Clarke, im Anzug mit Krawatte steuert er die Musik. Unter ihm: Andy Bell, lasziv auf einem Stuhl sitzend singt er die ersten Zeilen von „Oh L’Amour“. Dabei wird er von den Backgroundsängerinnen Valerie und Emma begleitet. Während die eine einen Brokathosenanzug trägt, ist die andere in ein etwas groteskes, trachtartiges Outfit gekleidet. Als Bell aufsteht, wird daran allerdings kein Gedanke mehr verschwendet. Vielmehr kann man gar den Blick nicht mehr von ihm abwenden, in seinem Paillettenoberteil und Sakko, das gerade so über den Po geht. Dazu eine Art Strumpfhose, die Bells Beine aussehen lässt, als wären sie tätowiert.
„Wir sind sehr erfreut, hier zu sein“, begrüßt der britische Popsänger mit außergewöhnlich gutem, akzentfreiem Deutsch sein Publikum, um es wenig später mit seinem Mitleid für Schneetropfen (er meint eigentlich Schneeglöckchen) zu amüsieren, die ihm leidtun, da sie von der Sonne angelockt werden, um dann innerhalb weniger Tage zu erfrieren. Was das genau mit dem folgenden Song „Breathe“ und den Zeilen „Breathe, and I breathe/ It’s bitter without you I can’t live without you“ zu tun hat, bleibt ein Rätsel.
„Ich bin ganz schön verrückt, oder?“, fragt Bell sein Publikum. Statt Nein zu sagen, wird gelacht. Neue Songs wie „World Be Gone“ reihen sich gut zu den großen Hits wie „Ship of Fools“, „Stop!“ und „Sometimes“ ein. Nach zwei Stunden ist das glitzernde Spektakel beendet, die Back-to-the-80s-Party beendet. Doch Berlin war erst der Anfang einer langen Tour: Bis Ende August gibt das Popduo 59 weitere Konzerte rund um den Globus.
Johanna Ewald

