Kultur

Es klingt wie beim allerersten Mal

Peter Maffay tritt in Berlin auf und das Publikum geht mit – vom ersten bis zum letzten Song

Auf einem Motorrad fährt er am Ortsschild Berlin vorbei. Knatternd kommt er zum Stehen, betritt einen Flur. Vor ihm eine Tür, die sich öffnet und den Blick auf einen hell durchfluteten Raum gibt. „Hallo Berlin“, ruft Peter Maffay. Eben noch als Comic-Held auf der Leinwand, jetzt in echt auf der Bühne der ausverkauften Mercedes-Benz Arena in Berlin. So fängt der Abend an.

In seinem Lederhemd und den schwarzen Röhrenjeans setzt sich der 68-Jährige so lässig wie eh und je mit seiner Gitarre auf einen drehbaren Hocker, umringt von üppig besetzter Band: Links die Streicher und ein Flügel, in der Mitte die zwei Schlagzeuge, rechts die Bläser und unmittelbar neben Maffay, wie soll es auch anders sein, die Gitarren. Da das Konzert als MTV-Unplugged-Version ausgetragen wird, wird weitestgehend auf elektronische Instrumente verzichtet.

Zu Beginn rappt Peter Maffay, das kann er auch

Das fällt allerdings erst mal kaum auf, vielmehr wird man von Maffays Version des Openers „Bring mich nach Haus“ überrascht, bei dem er die Strophen rappt. Da erscheint es noch ironischer, dass dieser Mann zu Beginn seiner Karriere mit der Debütsingle „Du“ noch dem Deutschen Schlager zugeordnet wurde. Mittlerweile bewegt er sich zwischen Rock, Liebesballaden und kritischen Songs, wie etwa „Eiszeit“ von 1982, das den kalten Krieg von Ost und West in jener Zeit behandelt. Maffay nutzt den Song für eine Attacke gegen den aktuellen US-Präsidenten – im Hintergrund wird erst ein Zeitungsartikel mit der Überschrift „Trump: Amerika first“ eingeblendet, dann Trauernde vor Massengräbern, darauf wieder ein Zeitungsartikel. Diesmal mit der Überschrift: „Destroyed world after war“. Scheinbar nebenbei weist Maffay seine Techniker an: „Mehr Gitarre, Leute!“ Selbst das klingt bei dem gebürtigen Rumänen irgendwie cool.

Maffay hat immer noch all das, was ihn seit Jahrzehnten auszeichnete. Er sieht viel jünger aus, als er eigentlich ist (zur Erinnerung: 68, man schätzt ihn aber höchstens auf 55), seine Stimme ist immer noch so rau und zugleich warm wie zu Beginn der Tabaluga-Ära, und er hat diese unbeschreiblich lässige, zugleich sympathische Ausstrahlung. Bereits nach wenigen Sekunden ist das Publikum ihm verfallen. Obwohl das Konzert am Sonnabend bestuhlt ist, stehen fast alle ab dem ersten und bis zum letzten Song. Das Publikum, die meisten 40 aufwärts, geht mit. Es wird umarmt, geschunkelt und getanzt; wobei positiv auffällt, dass kaum jemand sein Handy zückt, um zu filmen oder zu fotografieren.

„Gemeinsam werden wir heute eine Zeitreise machen“, sagt Maffay und kündigt seinen ersten Gast an: Jennifer Weist alias Jennifer Rostock. „Setz die Segel, mach die Leinen los / Da draußen warten deine Träume / Am Horizont ist Gold, siehst du es scheinen?“, singt die Rockerin, zum Dahinschmachten. Das hätte vor diesem Konzert wohl kaum jemand für möglich gehalten. Während die beiden inbrünstig ihr Duett singen, erscheint auf der Leinwand eine weitere Person: Laura Schwengber, sie ist Gebärdendolmetscherin und stellt das Gesungene in Bewegungen dar.

Es fasziniert, ihr bei den fließenden und ausdrucksstarken Bewegungen zuzusehen und man fragt sich, wie Musik wohl funktioniert, wenn man sie nicht hört. Maffay sagt vorab dazu: „Aus zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen weiß ich, dass Gehörlose den Rhythmus der Musik fühlen.“ Zudem seien die Lichteffekte und das Geschehen auf der Bühne ein spannendes Erlebnis. „Doch das gesungene Wort geht völlig an ihnen vorbei.“ Bereits seit 18 Jahren setzt Maffay Gebärdendolmetscher bei seinen Konzerten ein.

Mit seinem im November erschienenen „MTV Unplugged“-Album eroberte Maffay schnell die Spitze der deutschen Album-Charts. Insgesamt hat er während seiner Karriere mehr als 50 Millionen Tonträger verkauft. Er ist einer der Großen, spricht aber dennoch mit großem Respekt von seinen Mitmusikern. „Jeden Abend ist diese schöne Stimme da. Wenn er kommt, geht es los“, kündigt er seinen nächsten Gast an: den Hamburger Pop-Sänger Johannes Oerding. Gemeinsam mit der Backgroundsängerin und ehemaligen DSDS-Teilnehmerin Linda Teodosiu singen die beiden Oerdings Song „So schön“. Maffay schafft es, seinen hochkarätigen Gästen genau den Raum zu geben, den sie brauchen. Sie wirken weder wie Randfiguren noch wie zweite Hauptakteure.

Der Höhepunkt wird am Ende durch zwei Titel markiert, die wohl auf keinem Peter-Maffay-Konzert fehlen dürfen: Gemeinsam mit Oerding singt Maffay „Über sieben Brücken musst du gehen“, und zwar so, als würde er diesen Song, der 1978 von der DDR-Rockband Karat veröffentlicht wurde, zum allerersten Mal aufführen. Ähnlich berührend ist der gemeinsame Auftritt mit Elif und dem Tabaluga-Song, „Ich wollte nie erwachsen sein“. „Eigentlich wollten wir ihn gar nicht spielen, aber dann haben wir gemerkt, dass wir ihn einfach nicht auslassen können“, sagt Maffay. Danach wird aus unplugged wieder plugged. Mit drei E-Gitarren, E-Bass und Schlagzeug schließt er den Abend mit „Dich zu sehen“ ab.