Kultur

Ein Akt des Widerstands

Lars Kraume stellt eine wahre Geschichte aus der DDR nach: „Das schweigende Klassenzimmer“

„Das schweigende Klassenzimmer“ – das klingt nach Erich Kästner, verklärter Kindheit und harmlosen Pennälerstreichen. Aber von wegen. Die Klasse, um die es hier geht, ist eine Abiturklasse in der DDR. Die erste der Stadt seit Gründung des neuen Staats. Man schreibt das Jahr 1956, es sind noch neun Jahre bis zum Mauerbau. Aber die Fronten sind längst verhärtet, der Argwohn über jene, die in den Westen schielen, ist allgegenwärtig. Die Schüler stehen kurz vor dem, was man die Schwelle zum Leben nennt. Werden aber früh mit der großen Politik konfrontiert. Gnadenlos von ihr überrollt. Und schneller erwachsen als gewollt.

Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) büffeln fürs Abi, haben aber noch ziemliche Flausen im Kopf. Vor allem der kühne Theo macht sich einen Spaß daraus, die im Ort stationierten russischen Soldaten zu foppen. Und stiehlt sich mit Kurt wiederholt nach West-Berlin, um im Kino freizügige Filme zu schauen. Dabei erfahren sie in der „Wochenschau“, was man bei ihnen unter den Teppich kehrt: dass Ungarn gegen die Sowjets aufbegehrt. Die Jungs sind begeistert. Informieren die Klassenkameraden. Gehen zusammen zum Onkel (Michael Gwisdek) eines Schülers, wo sie Rias hören. Als sie da von der Niederschlagung des Aufstands erfahren, entscheiden sie sich spontan zu einem stillen Protest. Eine Schweigeminute.

Eine kleine Solidaritätsgeste, die eine Kettenreaktion auslöst. Die Schule wittert einen konterrevolutionären Akt. Der verständige Direktor (Florian Lukas) möchte das Ganze abtun, die ­linientreuen Kollegen nicht. Die Kreisschulrätin (Jördis Triebel) wird hinzugezogen, später gar der Volksbildungsminister. Die Schüler werden peinlichen Verhören unterzogen und sollen sich gegenseitig belasten.

Bedrückende Stimmung in klaustrophobischen Bildern

Da sie sich weigern, werden auch ihre Eltern unter Druck gesetzt: Theos Vater, ein Stadtrat, dessen politische Karriere plötzlich gefährdet ist. Und Kurts Vater, der 1953 beim Arbeiteraufstand in Berlin dabei war und deshalb mit Argusaugen beobachtet wird. Der Staatsapparat schlägt mit aller Macht zu. Versucht einen Keil zwischen die Schüler zu treiben. Und das gelingt auch fast. Ausgerechnet der sonst so forsche Theo scheint einzuknicken, der bis dahin eher stille Kurt aber wächst in dieser Situation über sich hinaus.

Diese Klasse hat es wirklich gegeben. Dietrich Garska, einer der 19 Schüler, hat darüber ein Buch geschrieben. Nur haben sich diese Ereignisse in Storkow zugetragen. Regisseur Lars Kraume hat das im Film nach Eisenhüttenstadt verlegt. Weil nichts mehr in Storkow an damals erinnert hätte. Aber wohl auch, weil Eisenhüttenstadt damals noch Stalinstadt hieß, was das Ganze noch plakativer macht.

Kraume ist einer der besten Filmautoren, die das deutsche Kino derzeit zu bieten hat. Historienfilme riechen oft nach Kostüm und Kulisse, also der Nachstellung einer anderen Zeit. Kraume dagegen rekonstruiert sie bis ins kleinste Detail, sodass man förmlich die Kohle in der Luft zu riechen glaubt, die Bedrückung der Erwachsenen und die Lebenslust der Jugendlichen, die bald in Angst umschlägt. Kraume stellt das auch nicht in konfektionierten Postkartenbildern aus, sondern erzählt das mit seinem Dauer-Kameramann Jens Harant in dunklen, ausgebleichten, fast klaustrophobischen Bildern.

Schon in seinem letzten großen Film, „Der Staat gegen Fritz Bauer“, hat Kraume 2015 ein eindrückliches Zeitbild der Nachkriegszeit kreiert, damals von Westdeutschland, wobei nicht viel von Wirtschaftswunder, aber viel von Altnazis und Altlasten erzählt wurde. „Das schweigende Klassenzimmer“ ist wie ein Vexierbild dazu aus der DDR. Der Staat gegen Klasse 13, wenn man so will. Wobei ironischerweise die Lichtgestalten aus „Fritz Bauer“ nun besonders bedrückende Rollen spielen: Ronald Zehrfeld den Vater, der selbst mal aufbegehrte und nun auf ewig verstummt ist, und Burghart Klaußner, der seinen Volksbildungsminister besonders perfide ausstattet.

Die Offenbarung dieses Films aber sind die jungen Nachwuchsdarsteller, die in den zwei Stunden eine harsche Entwicklung durchmachen müssen und die Kraume einfühlsam und treffsicher zu führen weiß. Am Ende können sich diese gebrannten Jugendlichen nur gegen ihren Staat wenden, die Mühlen des Apparates zwingen sie förmlich dazu. Auch wenn das in bitterer Konsequenz bedeutet, die eigene Familie im Stich zu lassen. Ein starker, zutiefst bewegender und aufwühlender Film. Und eine Geschichte, die längst hätte erzählt werden müssen.

Heute, 9.30 Uhr Haus der Berliner Fest-
spiele, 23.2., 21.30 Uhr, Casablanca;
25.2., 9.30 Uhr Haus der Berliner Festspiele.