Kultur

Das Wort zum Sonntag

Berlinale 2018: La prière

Berlinale 2018: La prière

Foto: Berlinale 2018

Manche Termine sind schon sehr feinfühlig programmiert auf der Berlinale. An Zufall mag man jedenfalls nicht glauben, dass „La prière“ als erster Wettbewerbsfilm am Sonntag zu sehen ist. So viel wie hier wird sonst wohl in allen anderen 384 Festivalbeiträgen zusammen nicht gebetet. Cédric Kahns Film handelt von einem katholisch geführten Haus hoch in den französischen Alpen, wo junge Menschen von ihren Suchtkrankheiten geheilt werden. Durch harte Arbeit. Und viel Beten. Ora et labora.

Gleich anfangs wird man mit Thomas (Anthony Bajon) in diese winterlich frostige Einöde heraufgefahren. Da steht er dann, der 22-Jährige mit den Schrammen am Auge, der eine Überdosis gerade so überlebt hat. Nun soll er sich einfinden in eine Männergemeinschaft mit rigiden Vorschriften. Keine Kontakte nach draußen. Keine eigenen Klamotten. Und keine Frauen. Die werden in einem Extrahaus entgiftet. Es steckt nicht viel Kraft in Thomas. Bei der Landarbeit bricht er zusammen. Es steckt aber viel Wut in ihm, die sich immer wieder entlädt. Er gibt schon auf, verlässt auf eigenen Willen das Haus. Kehrt reumütig zurück. Und wird dann fast zu einem Vorzeigefall.

Nach einem harten Schnitt in den Sommer ist er es, der einen widerspenstigen Neuankömmling genau die Hilfe anbietet, die er anfangs selbst abgelehnt hat. Vom Saulus zum Paulus. Solch bi­blische Vergleiche darf man ruhig ziehen. Der Film tut es ja auch und kommt dabei buchstäblich mit dem Holzhammer daher, wenn die jungen Männer Zimmermannsarbeiten verrichten. Die gesundheitliche Entwicklung ist offensichtlich bei Thomas, über die geistliche aber sind sich die Patres nicht so sicher.

Bis dahin ist der Film stimmig und atmosphärisch erzählt, nur Hanna Schygulla ist in einem Gastauftritt als Mutter Oberin ein echter Fremdkörper. Aber dann nimmt die Dramaturgie selbst den Holzhammer in die Hand. Auf einer Bergtour muss Thomas im Nebel vom Weg abkommen. Er verliert den Anschluss, stürzt, kann nicht mehr laufen. Betet. Am nächsten Morgen ist das Knie wieder heil. Eine Heilsgeschichte, die man in diesem Ernst kaum glauben mag. Das Wort zum Sonntag quasi. Thomas entscheidet sich denn auch gegen den Zimmermann und fürs Priesteramt.

Das ist der Moment, wo das Ganze droht, zu einer christlichen Erweckungsreklame, zum Wort zum Sonntag abzufallen. So einfach macht es sich Cédri­c Kahn dann doch nicht. Sein Thomas gerät in einen Gewissenskonflikt und muss seine Entscheidung noch mal überdenken. Dennoch schade, dass ein so starker, einfühlsamer Film am Ende so penetrant plakativ gerät.

Wiederholungen 19.2., 10 Uhr Haus der Berliner Festspiele, 21 Uhr, Friedrichstadt-
palast; 25.2., 12.15 Uhr Haus der Festspiele