Kultur

Vom Zufall geküsst

Julia Zange ist eigentlich Autorin. Nun bekam sie die Hauptrolle im Film „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“

Julia Zange

Julia Zange

Foto: Reto Klar

Das Glück des Zufalls, dass im richtigen Moment jemand Talent erkennt, fällt nicht jedem in den Schoß – aber wie erleichternd für Julia Zange (34), bislang hatte sie es zweimal. Das erste Mal, als sie im Jahr 2005 den renommierten Prosanova-Literaturwettbewerb gewann und sie einer Gruppe von Verlegern auffiel. Im Jahr 2008 erschien darauf ihr erster Roman „Die Anstalt der besseren Mädchen“ bei Suhrkamp.

Etwa sechs Jahre später entdeckte sie der international preisgekrönte Düsseldorfer Regisseur Philip Gröning auf einem Castingvideo und besetzte sie als Hauptrolle in seinem Geschwisterdrama „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“. Das Werk läuft diese Woche bei der Berlinale im Wettbewerb und wird wohl für Aufsehen sorgen. Julia Zange wird da zu spüren bekommen, auch wenn sie versuchen will, gelassen zu bleiben.

Auch die Darsteller haben den Film noch nicht sehen können

Aufgewachsen ist sie in Bad Hersfeld, in München hat sie Literaturwissenschaften studiert, vor etwa zehn Jahren zog sie nach Berlin. Seitdem lebt sie in Kreuzberg. Zehn Jahre in derselben Wohnung, das ist in Berlin schon ungewöhnlich, sagt sie beim Gespräch in einem kleinen Café und hat wohl recht. Immer mit dabei: Ihre Dackeldame Henri, die praktischerweise beim Kaffeetrinken brav unter dem Tisch liegt.

Kein Wunder also, dass der zweite Roman „Realitätsgewitter“, der im Jahr 2016 erschien, in Berlin spielt. Darin geht es um eine junge Frau, die sich durch Liebschaften und Jobs in der Hauptstadt schlägt und dann in ihre Heimat zurückkehrt, um ein Trauma aufzuarbeiten. „Das kann nur Julia Zange: Alle zehn Jahre ein Buch schreiben, das man nicht mehr vergisst“, lobte der Literaturkritiker Maxim Biller damals. Das Ankommen, die Suche nach Identität begleiten sie wie ein roter Faden durch ihre Bücher.

In dieses Schema passt auch Philip Grönings Berlinale-Film „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“. Darin bleibt dem Zwillingspaar Robert (gespielt von Josef Mattes, Sohn der Schauspielerin Eva Mattes) und Elena (Julia Zange) ein Wochenende in der deutschen Provinz, um sich voneinander zu lösen. Elena macht Abitur, ihr Bruder dreht eine Ehrenrunde. Vielmehr lässt sich über den Film noch nicht sagen, denn bisher haben ihn noch nicht einmal die Darsteller zu sehen bekommen.

Überliefert ist allerdings, dass Regisseur Philip Gröning, der mit seinem Vorgängerfilm „Die große Stille“ wichtige Preise gewann, seinem Ruf als Perfektionist beim Dreh alle Ehre machte. Sind für einen Kinofilm rund 30 Drehtage üblich, kam „Mein Bruder Robert“ auf über 70. Dutzende Wiederholungen sind bei Gröning keine Seltenheit. „Der Dreh selbst war körperlich sehr intensiv“, erinnert sich Julia Zange. Stundenlang machten sie Aufnahmen in einem kalten blauen See oder auch im T-Shirt, obwohl es schon Herbst war, aber im Film eben weiter Sommer sein musste. „Man stumpft während der Szenen schon ab, aber ich dachte wirklich, ich halte den Dreh körperlich nicht durch.“

Dennoch ist der Film ein Türöffner, ein Versprechen, auf das, was noch kommen mag. „Denn dass ich zur Schauspielerei gekommen bin, war ein unfassbarer Zufall“, sagt Julia Zange heute. Für den Film „Confession“ mit Charlotte Gainsbourg half sie einer befreundeten Casterin bei der Anwerbung der Statisten. Am Ende war sie selbst drei Sekunden in dem Film zu sehen. So kam es, dass sie Philip Gröning auffiel, der gerade für sein Projekt nach Darstellern suchte.

Ohne Vorkenntnisse ergatterte sie die Hauptrolle. „Aber für den Film mit Phillip war es vielleicht sogar besser, dass ich ohne Erfahrung reingegangen bin. Ich habe mich ihm sozusagen zur Verfügung gestellt“, sagt sie. Als Schauspielerin werden die nächsten Wochen sicherlich für Julia Zange entscheidend sein.

Doch zunächst wird es erst einmal darum gehen, den Film überhaupt das erste Mal zu sehen. „Ich glaube, ich werde sehr aufgeregt im Saal sitzen“, sagt sie und lacht. „Es wird wohl so eine Art Schock.“

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