Staatsballett

Polina Semionova in Höchstform

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Elena Philipp
Polina  Semionova  zeigt in  „Don Quixote“ wie vielseitig  sie ist

Polina Semionova zeigt in „Don Quixote“ wie vielseitig sie ist

Foto: DAVIDS/Darmer

Premierenjubel für den „Don Quixote“ des Staatsballetts an der Deutschen Oper.

Berlin. Wer würde im Berliner Februargrau nicht gerne Spaniens Sonne genießen? Das Staatsballett macht’s möglich. Einstudiert hat dort der spanische Choreograf Víctor Ullate seine – leicht umgearbeitete – Interpretation des „Don Quixote“ aus dem Jahr 1997. Prophezeien darf man: Das wird ein Kassenschlager. Frenetisch ist der Premierenjubel. Sicher liegt das an Polina Semionova, die technisch quasi makellos und darstellerisch mitreißend die Hauptrolle der Kitri tanzt. Freuen dürfte sich das Publikum aber auch über ein farbenreiches Handlungsballett zwischen Realismus und Märchenmotivik, ohne Botschaft oder allzu viele Modernismen.

Technische Einschränkungen nach dem Wasserschaden

Denkbar simpel ist die Handlung, die auf Cervantes’ Ritterroman-Satire „Don Quixote“ beruht: Sie liebt ihn und er liebt sie, allen Widrigkeiten zum Trotz. Dem Barbier Basil zugetan, weist die Wirtstochter Kitri den Adeligen Camacho zurück, den ihr Vater für sie auserkoren hat. Sie flieht mit Basil und darf, nach einer Tanzfeier im fässerbewehrten Schankkeller nebst vorgetäuschtem Selbstmord ihres heißblütigen Geliebten, diesen mit väterlicher Einwilligung endlich heiraten. Abgehalten wird die Hochzeit in Camachos Schloss, das luxuriös mit maurischen Dekorationen ausgestattet ist – ein Bühnenbild, das den technischen Einschränkungen nach dem weihnachtlichen Wasserschaden an der Deutschen Oper angepasst ist und reichlich abgesägt in den Bühnenhimmel ragt.

Polina Semionova und Marian Walter aber zeigen auch in halben Kulissen souverän die herausfordernden Variationen, für die der Ballettklassiker bekannt ist: enorme Balancen, komplizierte Sprungkombinationen, rasende Drehungen. Das Orchester der Deutschen Oper unter Robert Reimer gibt etwas Extratempo bei, die Füße wirbeln, die Zuschauer spendieren Bravi.

Leidenschaft und Schauspiellust haben Víctor Ullate und sein Team aus dem Staatsballett-Ensemble herausgekitzelt. Die angestrebte „chispa“ des spanischen Tanzes, eine Art elegantes Fluidum, beruhe auf Blicken, verrät Ullates Mitarbeiter Eduardo Lao im Programmheft. Polina Semionova ist die Meisterin dieser Kunst: flirtet gereckten Kinns mit den Dorfjungs, ist ihrem Basil zärtlich zugetan, tut vor ihren Freundinnen keck und vor ihrem Vater gehorsam. Widerspenstig schubst sie den adeligen Verehrer weg, ist aber gegenüber den Flamenco tanzenden „Gitanos“ ganz Anmut und Würde – bevor sie in der Taverne raubeinig die Becher leert und, nach einem stürmischen Streit, mit ihrem Geliebten die Posse vom Scheintod vorspielt.

Marian Walter ist an Semionovas Seite in Hochform, agiert temperamentvoll und sprungstark. Die Besetzung überzeugt durchweg: Elisa Carrillo Cabrera glänzt als Straßentänzerin, Elena Pris als Königin der „Gitanos“. Komisch sind Federico Spallittas gespreizter Camacho, Vladislav Marinovs bauernbräsiger Sancho Pansa oder Rishat Yulbarisovs würdevoll-hagerer Don Quixote.

Herrlich turbulente Ensemblegemenge

Verlässt sich Víctor Ullate im dritten Akt auf Marius Petipas Originalchoreografie von 1869 – eine Abfolge solistischer Kunststücke –, kreiert er für die Marktszenen herrlich turbulente Ensemblegemenge und peppt die Vorlage mit seinem heimatlichen Idiom auf. Bei den Flamenco-Einlagen schlägt sich das klassisch trainierte Staatsballett leidlich – aber momentweise überlegt man, wie wohl die Ballettwelt reagieren würde, träte eine Flamenco-Tänzerin nach wenigen Probenwochen mit Spitzenschuhen auf.

Beibehalten hat Ullate leider auch die Originalmusik von Ludwig Minkus. Dessen Partitur schielt zwar gen Tschaikowsky, kommt aber nur bei Wiener Walzer oder Polka zu sich. Authentisch spanisch scheinende Atmosphäre schaffen erst die komplexe Rhythmik und der Klang der Gitarrensoli von José María Gallardo del Reys, die Detlev Bork interpretiert. Endlich erinnert das bunte Bühnentreiben nicht mehr an die „Sissi“-Filme.

Apropos Authentizität: Leicht unbehaglich geht das Staatsballett (zu Recht) mit Ullates Nationalstolz um. Preist der Choreograf seine Version als „von echtem spanischem Blut durchpulst“ an und wirbt mit den „rassigen Gitanos“, erklärt das Programmheft, dass „dieser Zweig der Bevölkerungsgruppe heute als ‚Sinti‘ bezeichnet werden müsste“. Unproblematisch sind die ethnischen Klischees der Ballettklassiker nicht mehr, sie wirken in einer ensembleseitig derart internationalen Kunstform befremdlich. Hier liegt nach wie vor eine große Aufgabe für das Ballett: das auf der Bühne Dargestellte der gesellschaftlichen Diskurshöhe anzupassen. Geschmälert wird das Seherlebnis dadurch nur teils: Bedacht werden das Staatsballett und Víctor Ullate mit stehenden Ovationen.