Kultur

Zwei Debütanten bei den Berliner Philharmonikern

Konzert mit Michael Barenboim und Dirigent Vasily Petrenko

"Nein, das ist keine Musik … das ist Labor!", soll Maurice Ravel abschätzig über Arnold Schönberg gesagt haben – gemäß Alma Mahler-Werfel in ihrer Autobiografie "Mein Leben". Da Ravel schon seit mehr als 80 Jahren tot ist, kann er sich kaum gegen das wehren, was nun die Berliner Philharmoniker machen: Sie kombinieren zwei seiner beliebtesten Werke mit Schönbergs berüchtigtem Violinkonzert op. 36. Berüchtigt nicht nur, weil der Solist dafür eigentlich sechs Finger an der linken Hand braucht. Berüchtigt vor allem, weil dieses zwölftönige Werk schon seit seiner Uraufführung in Philadelphia 1940 immer wieder Hörer überfordert, verschreckt und vergrault.

Sogar beim Philharmoniker-Debüt des Geigers Michael Barenboim ist heftiges Türschlagen zu hören. Und vermutlich liegt das auch an der Klangästhetik des Solisten. Denn Barenboim, Jahrgang 1985, bietet ein Schönberg-Violinkonzert ohne jede Schönfärberei. Forsch im Ausdruck, asketisch in der Klanggestaltung. Mit geräuschhaft rauen Tiefen und schneidend brillanten Höhen. Es ist ein Schönberg aus dem Blickwinkel der 50er-Jahre-Avantgarde. Eckig und unbequem zwar, aber von Barenboim so gediegen vorbereitet und konsequent umgesetzt, dass man davor nur den Hut ziehen kann.

Natürlich wäre es durchaus reizvoll gewesen, hier den eigentlich vorgesehenen Zubin Mehta an Barenboims Seite zu erleben. Hätte der 81-jährige Inder vielleicht noch etwas Intimität und Humor ergänzt? Der 40 Jahre jüngere Nachwuchsdirigent Vasily Petrenko jedenfalls, Einspringer für den erkrankten Mehta, teilt den trockenen Ansatz Barenboims zu 100 Prozent – und er steht ähnlich furchtlos wie der Solist zum ersten Mal vor den Philharmoniker. Er scheint sie jetzt genauso klingen zu lassen, wie er möchte: schlank und kernig, transparent und technisch souverän. Dies gilt nicht nur für Schuberts "Rosamunde"-Ouvertüre zu Beginn. Es gilt auch für Schönbergs Violinkonzert und für die beiden Ravel-Werke, die in der zweiten Konzerthälfte noch folgen: "La Valse" und die zweite "Daphnis et Chloé"-Suite.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.