Berliner Ensemble

Nico Holonics - "Es ist eine Anmaßung"

| Lesedauer: 5 Minuten
Elisa von Hof
Immer mit dabei: Hündin Lotte bei Schauspieler Nico Holonics an der Auguststraße

Immer mit dabei: Hündin Lotte bei Schauspieler Nico Holonics an der Auguststraße

Foto: Reto Klar

Kokain, Ecstasy, Bulimie: Das Berliner Ensemble hebt das Leben Benjamin von Stuckrad-Barres auf die Bühne, gespielt von Nico Holonics.

Die letzten Krümel Kokain rieseln ihm noch aus den kurzen blonden Haaren, die wischt er mit den Händen fort und blinzelt gegen die Februarsonne. Nico Holonics (34) könnte aus dem Berghain taumeln, die Spuren der letzten Nacht noch an sich klebend. Aber Holonics kommt aus keinem Club, ist auch gar nicht sein Ding, er kommt aus dem Berliner Ensemble. Da probt er gerade die Bühnenadaption von Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiographie „Panikherz“, die am Sonnabend Premiere feiert. Wer den Bestseller kennt, der weiß: Stuckrad-Barre erzählt darin erbarmungslos, wie Ecstasy, Kokain, Alkohol, Bulimie, Depressionen, Showbusiness und Buchverträge ihn in einen Strudel ziehen, auf dessen Grund kein Licht, bloß die Entzugsklinik wartet. „Die Abgründigkeit ist irre, die erzählt er schonungslos. Und genau da müssen wir uns auf der Bühne hinein begeben – ohne, dass es kitschig wird“, sagt Holonics. Klar, das ist nicht einfach.

Stuckrad-Barre ist vom Stück gerührt, nicht verletzt

Oliver Reese, der das Buch auf die Bühne hebt, hat sich entschieden, dort nicht viel zu zeigen. Einen Perserteppich, eine Bar, eine Band und vier Schauspieler – alle entspringen anderen Lebensphasen des Autors – reichen aus. „Es ist eine große Sucht-Oper“, sagt Holonics. Er spielt den mittelalten, den essgestörten, den suchtkranken Stuckrad-Barre mit Kokain-Krümeln im Haar. „Ich bin in der Inszenierung am nächsten an ihm dran“, sagt er und fügt an: „auch charakterlich, ein bisschen drüber, schnell, scharfzüngig.“ Vielleicht mag er deshalb diese Rollen, bei denen Ekstase und Ruin nur ein Wimpernschlag trennt. Ein bisschen so wie „Die Blechtrommel“. Auch da liegen Glück und Leid eng beieinander, auch da spielt Holonics ein bisschen übermütig, ein bisschen zerbrechlich auch, eine Figur, die das Rampenlicht liebt, aber an der Welt zerbricht.

Bloß, dieses Mal lebt seine Figur auch außerhalb der Bühne, dieses Mal seziert er ein echtes Leben, kein fiktionales. „Auf der einen Seite hatte ich einen großen Respekt davor, vor jemandem, der noch lebt, seine Geschichte zu spielen“, sagt er langsam, „auf der anderen Seite dachte ich: Der geht so schonungslos mit sich selbst um, er wird das aushalten.“ Und er hat es ausgehalten. Denn vor einigen Tagen hat Stuckrad-Barre die Proben besucht, hat seine absoluten Tiefen auf der Bühne gesehen und wie Holonics sich gleich einen ganzen Beutel Koks über den Kopf schüttet. Stuckrad-Barre war gerührt, nicht verletzt. Dass man sich so intensiv mit seiner Geschichte auseinandersetzt. Und dass man das ziemlich poetisch macht.

Einen Wunsch hat er gehabt. Alle Schauspieler sollen weiße Jeans tragen, so wie er. Den Wunsch hat man ihm erfüllt, Holonics spielt in knallenger Jeans und schwarzem Nylonhemd. Auf der Probe hat er ein gutes Klima versprüht, erzählt Holonics, deshalb hat er sich nie blöd gefühlt, ihm sein Leben vorzuspielen. „Klar habe ich manchmal gedacht: Was für ein Unterfangen, was für eine Anmaßung, diese Geschichte darzustellen.“

Die Leere kommt nach Aufführung, wenn die Endorphine verpufft sind

Und das stimmt. Denn Rausch zu spielen und die Ekstase, das geht, aber wie erzählt man eine innere Leere, die alles Gute frisst, die nur Chemie bändigen kann? Holonics überlegt. Mit Drogen und Alkohol kann er nicht viel anfangen. Mit Kitsch auch nicht. Aber Leere ist ihm nicht unbekannt. Holonics, der mit Reese aus Frankfurt ans BE gewechselt ist, hat sich schon in einigen großen Rollen auf der Bühne abgerackert. In Berlin kann man ihn in Brechts „Kreidekreis“ und der „Blechtrommel“ sehen. Und wenn das letzte Klatschen verhallt ist, das Mikro abgenommen, die Endorphine verpufft, dann ist da plötzlich auch eine Leere, die bleiern auf seine Glieder drückt. „Du hast dich körperlich und seelisch verausgabt, das kriegst du so schnell nicht zurück, auch nicht vom Applaus“, sagt er. „Ich empfinde das als ganz traurigen Moment.“

Bloß wird er diese Leere wieder los, auch wenn er manchmal schlaflos an die Decke starrt. Das geht Stuckrad-Barre anders. Und das macht das Spielen so schwierig. Die Schwermut, die aus diesem Text rinnt, die wird man so schnell nicht los. Das macht das Buch so gut, das Leben zäh. Das geht auch Holonics so. Er versucht es mit Freunden, die nichts von der selbstzerstörerischen Freudlosigkeit wissen. Und mit Hündin Lotte, die auch beim Interview nicht von seiner Seite geht.

Die begleitet ihn nun seit zehn Jahren, auch an jedes Theater, an dem Holonics spielt. Vom Münchner Volkstheater zu den Kammerspielen zum Schauspiel Frankfurt und jetzt nach Berlin. Das entdeckt er gerade nochmal neu, „mit einer Ruhe und Gelassenheit und dem Gefühl, nicht überall dabei sein zu müssen.“ Denn er war vor über zehn Jahren schon mal hier, als Student der „Ernst Busch“. Aber da hat er nicht viel außer Schöneweide gesehen. Das ändert sich jetzt.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1. Termine: 17.2. (Premiere), 20. & 28.2., 19.30 Uhr