Klassische Musik

Michael Barenboim debütiert bei den Berliner Philharmonikern

Der Sohn von Daniel Barenboim und Elena Bashkirova spielte schon mit einigen Weltklasse-Orchestern. Nun ist endlich auch Berlin dran.

Michael Barenboim / Geiger in der Barenboim-Said Akademie

Michael Barenboim / Geiger in der Barenboim-Said Akademie

Foto: Reto Klar

Donnerstag ist der große Tag. Man könnte denken, dass Michael Barenboim dann in seinem Zimmer bleibt, auf dem Sofa liegt, im Geiste Schönbergs Violinkonzert durchgeht und sich auf seinen wichtigen Abend einstellt. Die Realität sieht völlig anders aus. Morgens spielt er langsame Tonleitern wie an jedem Tag. Dann fährt er zur Generalprobe in die Philharmonie. "Ich muss das schwierige Konzert am Donnerstag doppelt spielen, das bedeutet zwei Mal die maximale Anspannung", erklärt der Geiger.

Nach der Probe fährt er nach Hause, um mit seiner Frau, der Pianistin Natalia Pegarkova, und den beiden kleinen Kindern zu essen. Nachmittags geht er die Stellen durch, die ihm bei der Generalprobe nicht gut genug gefallen haben, und spielt sich noch einmal ein. Dann wird es ernst. Glücklicherweise leidet er nicht unter übermäßigem Lampenfieber. Nach dem Debüt wird nicht groß gefeiert, denn am Freitag und Sonnabend folgen die Berliner Wiederholungskonzerte und am Sonntag noch eines in Leipzig.

Schönbergs Violinkonzert steht auf dem Programm

Der Sohn von Daniel Barenboim und Elena Bashkirova hat schon eine ganze Reihe von bedeutenden Debüts gegeben, etwa mit den Wiener Philharmonikern, dem Israel Philharmonic Orchestra und dem Chicago Symphony Orchestra. Keines war vergleichbar mit der Aussicht, zum ersten Mal mit den Berliner Philharmonikern zu spielen. "Es ist nicht nur eines der weltweit führenden Orchester. Ich bin in Berlin mit dem Klang der Philharmoniker aufgewachsen", meint Barenboim.

Noch etwas ist anders als sonst: Seine Frau und seine Mutter sitzen in allen drei Konzerten, sogar Daniel Barenboim hat an einem Abend Zeit, sich das Konzert seines Sohns anzuhören. Zubin Mehta hätte es leiten sollen, ein enger Freund der Familie, den Michael Barenboim seit seiner Kindheit kennt. Der Maestro musste krankheitsbedingt absagen. Nun freut sich der Geiger auf die erste Begegnung mit dem jungen Dirigenten Vasily Petrenko.

Arnold Schönbergs Violinkonzert stand bei jedem großen Debüt von Michael Barenboim auf dem Programm. Nicht, dass er irgendwann beschlossen hätte, immer dieses Konzert zu spielen, aber es gibt nicht viele Geiger, die es im Repertoire haben. Deshalb wird er stets danach gefragt, und er selbst schlägt es auch gern vor. "Es gehört zu den großen Werken des 20. Jahrhunderts, wird aber viel zu selten gespielt", erklärt Barenboim. "Dieses Konzert ist technisch das Schwierigste, was es in unserem Repertoire gibt. Man braucht zum Lernen zwei oder drei Mal so lange wie für jedes andere Stück."

Der Geiger, den seine Freunde Mischa nennen, redet von Flageolett-Technik mit Doppel- und Tripelgriffen in großer Geschwindigkeit und von schnell wechselnden vierstimmigen Akkorden in hohen Lagen. Wenn die Schwierigkeiten bewältigt sind, fängt die Auseinandersetzung mit den Inhalten erst an: "Schönberg ist ein Modernist, der nach vorne denkt. Gleichzeitig ist er aber mit der Tradition, vor allem mit Johannes Brahms, verbunden. Man muss immer an beides denken."

Michael Barenboim, der mit vier Jahren Klavier lernte und mit sieben auf die Geige umsattelte, wuchs in einer Familie von musikalischen Weltbürgern auf. Sein Vater sprach mit ihm Französisch, seine Mutter Russisch. Wenn die ganze Familie zusammen war, wurde Englisch geredet. Der Geiger ist ein gebürtiger Pariser und ging manchmal in Chicago zur Schule, wenn sein Vater dort arbeitete und die Familie mitnahm. Im Sommer saß er als Kind oft im Bayreuther Orchestergraben. Trotzdem sieht er Berlin als Heimatstadt. Hier liegt seit seinem siebten Lebensjahr sein Lebensmittelpunkt.

Mit seinem Vater hat er immer gern Backgammon gespielt. Vor allem hat er von Daniel Barenboim aber gelernt, sich hundertprozentig für die Musik einzusetzen. Da zitiert er gern Schönberg: "Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen." Seit 15 Jahren ist er Konzertmeister im West-Eastern Divan Orchestra seines Vaters, in der Barenboim-Said-Akademie leitet er den Bereich Kammermusik. Er spielt auch regelmäßig bei den beiden Kammermusikfestivals seiner Mutter.

Dirigent zu werden würde ihn nicht reizen

Zum Taktstock zu greifen wie sein Vater, würde ihn nicht reizen. "Ich habe nicht die geeignete Persönlichkeit dazu. Ich brauche das Handwerk, die Arbeit mit den Händen. Pierre Boulez meinte, als Dirigent produziere man den Klang indirekt. Das genügt mir nicht. Meinem Vater übrigens auch nicht, deshalb spielt er auch Klavier."

Gerade ist Michael Barenboims zweite CD mit italienischen Werken für Violine solo erschienen. Die CD hat einen roten Faden. "Tartini hat mit der Teufelstrillersonate einen Typus kreiert: den besessenen Geiger. Diese ex­treme Emotionalität und ausufernde Virtuosität findet sich bei Paganini, Berio und Sciarrino über die Jahrhunderte immer wieder", erklärt Barenboim.

Kaum ein anderer Musiker hat so viele qualifizierte "Kritiker" in der Familie wie Michael Barenboim. Er findet das großartig: "Je bekannter man wird, desto weniger ehrliche Meinungen bekommt man zu hören." Nach seinen Debütkonzerten mit den Berliner Philharmonikern wird er von seiner Frau, seiner Mutter und seinem Vater wohl wertvolle Hinweise bekommen.

Gern würde er mehr Zeit für sein Hobby Snooker-Billard haben. "Man müsste dafür sechs Stunden am Tag üben wie auf der Geige. Die Bewegungsabläufe sind ebenso komplex." Dafür ist keine Muße. In den Wochen nach dem Debüt spielt er das Beethoven-Konzert, das Sibelius-Konzert und Kammermusik. Dann studiert er die nächste Uraufführung ein. "Es ist schon anstrengend", sagt Barenboim. "Aber es ist auch ein großes Glück, diesen Beruf ausüben zu können."

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