Konzert in Berlin

So war's beim Band-Jubiläum von Sandow in der Volksbühne

Die experimentelle Band Sandow spielt eine düstere Show in der Berliner Volksbühne.

 Chris Hinze (l.) und Kai-Uwe Kohlschmidt bei ihrem Konzert am Mittwoch in der Volksbühne

Chris Hinze (l.) und Kai-Uwe Kohlschmidt bei ihrem Konzert am Mittwoch in der Volksbühne

Foto: Frank Hoensch / Redferns

Berlin. Vier glatzköpfige Männer. Schwarze Anzüge tragen sie. Das Licht ist mal rot, mal grün, malt Kai-Uwe Kohlschmidt düstere Fratzen ins Gesicht. Zu ihrem 35-jährigen Band-Jubiläum spielen Sandow in der Volksbühne. „Wir sind Vergangene, Hingehangene, längst Gefangene in Stein, wir sind Huren der Strukturen“, singt – soweit man das sagen kann, denn es ist weder Rap noch Gesang, eher eine Art Sprechgesang – der Kopf der Band, Kohlschmidt. Im Hintergrund zeichnen sich mondähnliche Strukturen auf der Leinwand ab. Diese derben Worte, das Auftreten der Band, die Lichteffekte schaffen eine mystische, dunkle Stimmung. Ja, manchmal schaudert es einen.

Kohlschmidts Gesicht ist ein eigenes Theaterstück, zeigt es die Emotionen der Zeilen noch viel deutlicher, als die gewählten Worte. Sein Blick scheint manchmal fast irre zu sein, um dann, zwischen zwei Songs, einem schelmischen Grinsen zu weichen. „Ich spreche heute drei Toast aus. Der erste geht an die sowjetische Armee, die uns vom Hitler-Faschismus befreit hat“, prost. Auch wenn man sich der Ironie bewusst ist, stößt der Satz doch auf und erinnert unweigerlich an den größten Hit der vier Männer: „Born in the G.D.R.", inspiriert vom Auftritt Bruce Springsteens 1988 in Ostberlin. Auch dieses Lied wurde von manchen als Lobeshymne auf die DDR missdeutet, war allerdings, wie die Bandmitglieder immer wieder klarstellten, ironisch gemeint.

Neben Kohlschmidt sind da noch Tilman Berg (Schlagzeug), Tilman Fürstenau (Bass, Cello) und Chris Hinze (Gitarre). Insbesondere Fürstenau fasziniert mit seinem ausdrucksvollen Spiel des Cellos, das elektronisch abgenommen wird und lediglich aus Steg, Saiten und dem Bogen besteht. Manchmal erinnert der Klang fast an eine Klarinette, was es nur noch faszinierender macht. Hinze beherrscht es, mit seiner Gitarre sowohl verträumte Klänge anzustimmen als auch, gleich im nächsten Moment, die Töne so zu verzerren, dass es einem kalt den Rücken hinunterläuft.

Zu ihrem Jubiläum haben sich Sandow sieben weitere Künstler eingeladen. Von Schauspielern und Sängern, die hörbuchartig verwirrende Texte sprechen und engelsgleich im Chor singen bis zu einem Theremin – ein Instrument, das von der elektrischen Kapazität des menschlichen Körpers beeinflusst wird. Je nachdem, wie nah oder weit weg die Hände sind, wird die Antenne gesteuert und erzeugt einen Ton, bei dem man unweigerlich an Ufos denken muss.

Die Texte des aktuellen Albums „Entfernte Welten“ kreisen vor allen Dingen um ein Thema: eine neue Weltordnung. „In der Zeit der Füße, um niemals tot zu sein. Denn wer weiß, wann und wo wir wiederkommen? Vielleicht als Indianer?“, heißt es da in „Niemals tot“. 240 Unterstützer spendeten fast 18.000 Euro für das neue Album, das komplett durch Crowdfunding finanziert ist. Denn, wenn Sandow eins hat, dann sind es treue Fans. Auch wenn an diesem Abend die Volksbühne nur zu dreiviertel gefüllt ist, wird ihr Auftritt mit einem ausladenden Applaus gewürdigt. Und damit hat die Band, die nie mainstream sein wollte, wohl ihr Ziel erreicht.