Wenn man sie nachts weckt und sie hoch schreckt aus ihren Träumen, dann weiß sie jede Zeile, jedes Wort. Den Text hat sie so häufig gelesen und auf der Bühne aufgesagt, dass wahrscheinlich nie wieder eine Probe nötig wäre. 17 Jahre lang hat Carmen-Maja Antoni „Die Kleinbürgerhochzeit“ im Berliner Ensemble gespielt – bis vergangenen Sommer. Bis Intendant Claus Peymann das Haus verließ und mit ihm auch das Brecht-Stück vom Spielplan verschwand und Antoni in ihrer Rolle als schrullige Schwiegermutter von der Bühne. Nun wird es an einem anderen Berliner Theater zu sehen sein. Dieter Hallervorden holt das Stück Ende Februar in sein Haus nach Steglitz. Mit dabei: Bühnenbild, Kostüme, Masken und, eben, alle Schauspieler und Schauspielerinnen. So wie Antoni. „Dieter Hallervorden nimmt ein Stück Berliner Ensemble in sein Haus“, sagt die 72-Jährige.

Vielleicht macht das den Abschied von diesem Theater ein bisschen leichter für sie. Denn Antoni stand über 40 Jahre auf der Bühne am Schiffbauerdamm, mehr als die Hälfte ihres Lebens. Das Ende der Ära Peymann ist auch ein bisschen das Ende der Ära von großen Brecht-Schauspielerinnen wie Antoni. Neu-Intendant Oliver Reese hat noch einen Brecht im Programm, den „Kaukasischen Kreisekreis“. Stefanie Reinsperger spielt darin die Grusche, also die Rolle, mit der Antoni ihre Schauspielkarriere begann, damals, 1964. Und auch danach hat Antoni viel Brecht gespielt, „Baal“, „Den guten Mensch von Sezuan“, und, das war ihre Paraderolle, die „Mutter Courage“. So viel, dass man sie irgendwann halb ernst, halb närrisch die „Brecht-Schauspielerin“ genannt hat. „Ich habe seine Texte lieben gelernt“, sagt sie heute. So wie „Die Kleinbürgerhochzeit“.

Die Welt sei „voller Kleinbürger“, findet Antoni

Das Stück feiert im nächsten Jahr seinen 100. Geburtstag. Den Einakter modern zu inszenieren, diese Hochzeit, die mehr und mehr aus dem Ruder läuft, seine Spießbürger und spleenigen Figuren, das ist nicht einfach. „Die Welt ist voller Kleinbürger. Deswegen ist das Stück auch noch aktuell“, sagt Antoni und zieht die Schultern hoch.

Als sie vor der Spielzeitpause, irgendwann Ende Juni, zum letzten Mal durch den Bühneneingang das Berliner Ensemble verlässt, ist das ein merkwürdiger Moment für Antoni. Wenn sie heute davon spricht, ringt sie um Worte. Wer die Berlinerin kennt und ihr kraftvolles Spiel, der weiß, das passiert ihr sonst nicht gerade häufig. „Schrecklich“, sagt sie dann und schaut auf ihre Hände hinunter. Schrecklich habe es sich angefühlt, als die Tür hinter ihr zugefallen ist und sie wusste, dass diese Zeit, und damit meint sie wohl auch ein bisschen ihre Zeit an diesem Theater, vorbei ist. Hier war sie nicht bloß Schauspielerin, sie war auch mal Ensemble-Sprecherin, zwischenzeitig sogar Interimsintendantin. Das Berliner Ensemble ist auch ein bisschen Carmen-Maja Antoni, Carmen-Maja Antoni immer auch ein bisschen Berliner Ensemble.

Dass ein Teil davon nun doch erhalten bleibt, sogar in Berlin, darüber ist sie natürlich glücklich. „Ich freue mich sehr darauf, das Stück am Schlosspark Theater zu spielen, weil es ein Live-Theater-Abend ist und das mein Leben war“, sagt sie. Einen Abend komplett zu übernehmen, ohne Neu- und Umbesetzungen, ohne Kostüm- und Maskenänderungen, das geschieht selten. Hallervorden muss das Stück am Berliner Ensemble gesehen und sich gleich verliebt haben, glaubt Antoni. „Er ist ein toller Kerl“, schwärmt sie und zieht die Augenbrauen hoch. Und wenn so jemand das Stück will, „mit Mann und Maus“ wie sie sagt, dann könne man doch nicht „Nein“ sagen. Jedenfalls haben alle zugesagt, in Steglitz zu spielen.

Was will ein Boulevard-Theater mit Brecht? – darüber kann man sich wundern. Es ist einfach ein ziemlich lustiger Abend – auch wegen Antoni, die als kauzige Schwiegermutter zwar nicht mit viel Text jongliert, dafür aber mit einigen Tellern. Es ist eine dieser Figuren, die ihr auf den Leib geschneidert scheinen. Oder Antoni diesen Figuren. So genau weiß man das nicht mehr, weil sie bereits so einige dieser Figuren gespielt hat. Im Fernsehen, an der Seite von Iris Berben oder Horst Krause, und auch im Theater. Schon mit Anfang vierzig hat Antoni 20 Jahre ältere Figuren gespielt. „Vielleicht habe ich dafür ein Talent, dass ich diese älteren Frauen mit Jugend ausstaffieren kann und dadurch kraftvoll rüberkommen lasse“, überlegt sie und fügt selbstbewusst an: „Und ich habe keine großen Eitelkeiten und den Mut mich zu verkleiden, zu verstellen, zu verändern.“

Der Abschied vom Berliner Ensemble war schmerzhaft

Ans Aufhören verschwendet Antoni heute noch keine Gedanken. Vielleicht, weil der Abschied vom Publikum des Berliner Ensembles ihr schon so viel Schmerz bereitet hat. Vielleicht mehr sogar als der von Peymann, auch wenn sie gern mit ihm gearbeitet hat. Jetzt weiß sie, mehr Abschied ist nichts für sie. Sie braucht die Bühne, Lampenfieber und Angst vor dem Text kennt sie eh nicht. „Aber wenn ich vor Angst noch kleiner werde, dann mache ich es nicht mehr“, sagt sie und lacht laut.

Schlosspark Theater, Schloßstraße 48. Termine: 20., 21., 22., 23.2., 20 Uhr.