Kultur

Korngold trifft Bruckner in der Deutschen Oper

Musikalische Reise unter der Leitung von Donald Runnicles

Der erste Weltkrieg hatte Erich Wolfgang Korngold traumatisiert. Sein Lieblingsonkel und mehrere seiner Freunde waren gefallen. Parallel zu seiner Oper "Die tote Stadt" verarbeitete er seine Kriegserfahrungen in den "Liedern des Abschieds". Anders als die Erfolgsoper hat es der Liederzyklus nie ins Repertoire geschafft. Beim Wiederhören im Sinfoniekonzert der Deutschen Oper fragt man sich irritiert: warum eigentlich? Das Opernorchester liebt es, durch Korngolds reiche Klanglandschaften zu streifen. Die Lieder haben sanfte, weit ausschwingende Melodiebögen, die bis in die Ewigkeit auszugreifen scheinen. Sie setzen sich mit den Schrecken des Todes auseinander, versuchen aber vor allem, den Überlebenden Trost zu spenden. Irene Roberts, die an der Deutschen Oper viel beschäftigte Mezzosopranistin, ist textlich nicht leicht zu verstehen. Vor allem das zweite Lied ist wie ein Abgrund, der an immer neuen Stellen aufreißt. Da hört man die Sängerin nicht wirklich mit dem Schmerz kämpfen. Aber den Trost, den spendet sie ganz wunderbar in ihrer abgeklärten, transzendenten Art zu singen. Indem sie eine Perspektive einnimmt, mit der sie den Tod quasi von außen betrachtet, entfaltet sie eine ganz eigene Sogwirkung.

Noch einen zweiten Österreicher hat Generalmusikdirektor Donald Runnicles aufs Programm gesetzt. "Bruckner komponiert wie ein Betrunkener", schrieb ein Kritiker über die Siebte, und auch das berühmte Zitat von der "symphonischen Riesenschlange" bezieht sich auf diese Sinfonie. Trotzdem wurde Anton Bruckner mit der Siebten berühmt, sie ist bis heute sein beliebtestes Werk. Sehr zart erklingt am Anfang die tremolierende Terz, Bruckners "Urnebel", den er so gern verwendete. Die Melodie darüber setzt kraftvoll ein, und das gibt schon die Richtung der Interpretation vor. Runnicles gestaltet gewaltige Aufschwünge und lässt dabei die Instrumente aus ganzem Herzen singen.

Im Zentrum steht das feierliche Adagio, das wie bei Korngold von Tod und Verlust handelt. Bruckner soll eine Vision von Richard Wagners bevorstehendem Tod gehabt haben, als er begann, die Trauermusik zu komponieren. Erstmals setzt er hier im Hauptthema Wagner-Tuben ein. Er schrieb einen gewaltigen Höhepunkt in C-Dur, bei dem bis heute nicht geklärt ist, ob der Komponist dort Becken wünschte oder nicht. Runnicles lässt sie kraftvoll scheppern. Nach der Komposition dieser Stelle traf die Nachricht von Wagners Tod ein. Das Opernorchester stellt die gespenstische Hommage an den Bayreuther Meister wirkungsvoll aus. Die Musiker machen deutlich, dass der gläubige Katholik bei aller Trauer Zuversicht durch seinen Glauben fand. Auch diese Totenklage möchte trösten, und so schlägt sie einen stimmigen Bogen zurück zu den Korngold-Liedern.

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