Sechste Sinfonien haben in Berlin gerade Hochkonjunktur. Genauer gesagt: die Sechsten Sinfonien von Schostakowitsch und Bruckner – zwei Werke, mit denen sich die Philharmoniker und das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) nun ungewollt Konkurrenz machen. Vor Kurzem erst war nämlich Mariss Jansons bei den Philharmonikern mit Bruckners Sechster gewesen, und dies ausgerechnet rund zwei Wochen vor Ticciatis geplantem DSO-Auftritt mit dem gleichen Werk. Im Falle der Schostakowitsch-Sechsten haben wiederum die DSO-Musiker die Nase vorn: Ihr ehemaliger Chefdirigent Ingo Metzmacher macht das Werk schon jetzt, die Philharmoniker spielen es dagegen erst im Mai.
Und trotzdem ist dem DSO auch in diesem Fall jemand zuvorgekommen. Denn vor einer guten Woche hatten das estnische Festivalorchester und Paavo Järvi bereits Schostakowitschs Sechste in der Philharmonie vorgestellt. Mit anderen Worten: eine missliche Situation für jeden Konzertveranstalter. Aber auch ein seltener Luxus für jene Zuhörer, die so unterschiedliche Dirigenten wie Järvi und Metzmacher zeitnah vergleichen möchten. Und dieser Vergleich lohnt sich: Da war zunächst Järvis Schostakowitsch-Interpretation, die ganz auf Genuss und Spielfreude abzielte. Ein Ohrenschmaus, bei dem sich Orchester und Bläsersolisten von ihrer besten Seite zeigen konnten – organisch atmend, fließend expressiv. Und da ist Metzmacher, der nun mit dem DSO ziemlich genau das Gegenteil macht. Bei ihm klingen die Streicher im langen Adagio-Satz karg und flach, Lethargie und Einsamkeit erfassen das gesamte Orchester. Metzmacher betont den Schmerz, er reizt das Dissonante der Partitur schonungslos aus. Böse Blechbläser im nachfolgenden Allegro-Kehraus, unüberhörbares Zähnefletschen im wilden Presto-Galopp, das aus Rossinis Wilhelm-Tell-Ouvertüre zitiert.
Felix Stephan

