Tocotronic

„Der Umzug nach Berlin hat mich gerettet“

Tocotronic zeigen sich in ihrem neuen Album „Die Unendlichkeit“ so persönlich wie noch nie. Ein Treffen

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Foto: Michael Petersohn

Persönlich waren sie ja schon immer, die Lieder von Dirk von Lowtzow (46), Jan Müller (46), Arne Zank (47) und Rick McPhail (46). So persönlich aber wohl noch nie. Die zwölf Songs auf „Die Unendlichkeit“, dem zwölften Album der Band, beziehen sich auf Stationen im Leben von Sänger und Texter Dirk, angefangen bei Kindheitserinnerungen („Tapfer und grausam“), über die Bandgründung („1993“), den Tod des besten Freundes („Unwiederbringlich“) bis ins Jetzt („Mein Morgen“). Mit einer immensen musikalischen Stilvielfalt haben Tocotronic ein Album geschaffen, dessen Intensität und Intimität man sich kaum entziehen kann. Wir trafen Dirk von Lowtzow und Jan Müller in Berlin.

Jan Müller, haben Sie über Dirk von Lowtzow Dinge während der Arbeit an diesem Album erfahren, die Sie noch nicht wussten?

Jan Müller: Jetzt keine spektakulären Enthüllungen, so ist es auch nicht angelegt. Aber ich glaube, wir haben uns noch einmal besser kennengelernt. Bei dieser Art von persönlichen Texten ist das zwangsläufiger der Fall, als wenn man den Umweg über die Abstraktion nimmt, wie wir es lange gemacht haben. Für uns hat sich mit dieser Platte noch einmal eine neue Tür geöffnet.

Was ist das Besondere an autobiografischen Texten?

Jan Müller: Die Ehrlichkeit ist sehr wichtig. Und wir mussten schonungslos sein, auch zu uns selbst.

Dirk von Lowtzow, ist Ihnen das leichtgefallen, schonungslos zu sein?

Dirk von Lowtzow: Ich habe das jetzt nicht als unlösbare Aufgabe gesehen. Mich hat es eher befreit, durch diese Tür zu gehen. Zu sagen „das wird jetzt ein autobiografisches Album“ hat meine Kreativität beflügelt und sehr viel in mir in Gang gesetzt. Ich wollte mich mit einfachen Worten, ohne Umwege und ungepanzert mitteilen. Das knappe Jahr, in dem wir intensiv an den Liedern gearbeitet haben, war für mich sehr gewinnbringend. Ich habe diese Zeit als sicherlich manchmal verstörend, aber im Großen und Ganzen als schön empfunden. Beim Schreiben war ich sehr nah bei mir. Das hat auch was Therapeutisches.

Das Album ist chronologisch aufgebaut, es reicht von der Kindheitserinnerung „Tapfer und grausam“ bis zur Zukunftsutopie „Mein Morgen“.

Dirk von Lowtzow: Die Hoffnung ist, dass man es hören kann, als würde man einen Roman lesen oder eine Serie gucken. Weil es wirklich eine Narration gibt, eine Geschichte. Das erfordert Zeit und Hingabe, sich dem auszusetzen. So ein Album aufzunehmen, mag altmodisch sein und vielleicht sogar anachronistisch. Doch dazu stehen wir.

Warum kommt dieses persönliche Erinnerungsalbum eigentlich genau jetzt?

Dirk von Lowtzow: Da kam eins zum anderen. Auf dem „Roten Album“ von 2015 gab es schon Stücke wie „Ich öffne mich“ oder den Hidden Track „Date mit Dirk“, von daher kam mir das vor wie der nächste logische Schritt. Ich hatte den Wunsch, im Songschreiben wieder persönlicher zu werden und weniger abstrakt und theorielastig. Das hatte als Form etwas ausgedient. Vielleicht auch, weil diese Theorien nicht mehr so stark zu mir gesprochen haben. Oder man kennt sie schon alle und hat sie wieder verworfen (lacht).

In dem Lied „Electric Guitar“ singen Sie über „Sex and Drugs im Elternhaus“. Kam mit der Gitarre das Selbstbewusstsein?

Dirk von Lowtzow: Ja, klar. Ich kannte diese Art des Ausdrucks vorher nicht. Und dann entdeckte ich in der frühen Pubertät Pop- und Rockmusik, und diese Musik spielte schnell eine große Rolle in meinem Leben. Mit der Gitarre konnte ich Krach machen, und das gab mir Selbstsicherheit und das Gefühl von Freiheit. Und das fiel genau in die Zeit von erwachender Sexualität.

Was war am Wichtigsten: Sex, Apfelkorn oder Musik?

Dirk von Lowtzow: Irgendwie alles zusammen. Deswegen heißt es ja auch „Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll“. Zur Popmusik gehört eine Überschreitung. Man wird durch diese Musik, gerade wenn man sie als Jugendlicher hört, leicht aufgeputscht, auch ausgelassen.

Jan Müller, gab es bei Ihnen auch den „Teenage Riot im Reihenhaus“?

Jan Müller: Ich bin ja in der Stadt, in Hamburg, aufgewachsen. Trotzdem kann ich viele von Dirks Erinnerungen teilen, wir haben eine ähnliche Biografie. Meine erste Gitarre habe ich erst mit 16 oder 17 gekauft, zusammen mit Arne übrigens. Wir kennen uns ja schon, seit wir zwölf sind.

Es ist nicht selbstverständlich, dass man mit Mitte 40 immer noch befreundet ist, wenn man sich als Jugendliche oder Studenten kennengelernt hat.

Jan Müller: Ich denke, unsere Freundschaft ist auch deshalb so stabil, weil sie nicht vom Stillstand, sondern von der Veränderung geprägt ist.

Dirk von Lowtzow: Ich halte es geradezu für ein Politikum, dass es diese Band immer noch gibt. Jeder weiß, wie sehr sich das Musikbusiness verändert hat, doch wir konnten eigentlich immer machen, was wir wollten und uns dabei auch immer aufeinander verlassen. Das zwischen uns ist eine sehr tiefe und enge Freundschaft geworden und geblieben. Das ist etwas sehr Besonderes und ein großes Glück.

In „Ausgerechnet du hast mich gerettet“ geht es um eine Person mit „schiefen Zähnen und schmaler Brust“. Wer ist gemeint?

Dirk von Lowtzow: Das wird nicht verraten (lacht).

Sie sagen, das Lied behandelt eine schwierige Phase um die Jahrtausendwende, in der Sie sich unter anderem mit einer „beginnenden Alkoholsucht“ auseinandersetzen mussten.

Dirk von Lowtzow: Damals, so zwischen 2000 und 2002, war ich teilweise sehr unglücklich in Hamburg und auch sehr ausgepowert. Das war die Phase, in der unser „Weißes Album“ entstand, ich fühlte mich in Hamburg ein bisschen isoliert und mitunter sehr einsam. Und mein Gebrauch von Alkohol rückte in eine gefährliche Nähe zur Sucht.

Wie haben Sie da rausgefunden?

Dirk von Lowtzow: Ich bin 2003 nach Berlin gezogen, und absurderweise ging es mir dort besser. Ich hatte plötzlich einen sehr guten, fast familiären Kontakt zu sehr vielen Leuten in Berlin. Ich habe heute das Gefühl, der Umzug nach Berlin hat mich so ein bisschen gerettet.

Sind Sie fünfzehn Jahre später gesund und ausbalanciert?

Dirk von Lowtzow: Da bin ich vorsichtig. Das klänge etwas zu selbstzufrieden und saturiert. Kann sein, dass ich gelassener geworden bin und mich selbst auch besser kenne. In jedem von uns schlummern Abgründe. Als Künstler ist es wichtig, dass man diese Abgründe kennt und vielleicht auch benutzt.

Man kann sich Tocotronic ganz gut als alte Band vorstellen.

Dirk von Lowtzow: Das freut mich, und das hat auch mit dem Bandwerdegang zu tun. Wir sind Anfang der 90er-Jahre sehr auf unsere Jugendlichkeit reduziert worden und haben das auch forciert mit Stücken wie „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“. Aber ungefähr als wir alle 30 wurden, haben wir die Freude am Musizieren als solche in den Vordergrund gestellt, und seitdem ist das Älterwerden mit der Musik für uns kein Problem mehr.

Sie feiern 2018 das 25-jährige Dienstjubiläum. Wie geht es danach weiter?

Jan Müller: Wenn wir das schon wüssten, dann wären wir sehr kluge Menschen. Wir sind glücklich, bis hierhin gekommen zu sein.

Konzert: 16. April in der Columbiahalle, ausverkauft. Zusatzkonzert: 17. April

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