Kultur

Viel Budenzauber, wenig Magie

Ola Mafaalani inszeniert „Kinder des Paradieses“ am Berliner Ensemble und setzt dabei auf Spektakel. Viel Figurenentwicklung ist hier nicht drin

Im Berliner Ensemble sind die Gaukler los. Ein paar begegnen uns schon im Foyer und noch viel mehr dann drinnen im Saal, während wir unsere Plätze einnehmen. Ein Geflirre und Gesummse ist das, Jongleure werfen Bälle, Akrobaten machen Flickflacks, es gibt Musik, eine Frau auf Stelzen und Waffeln fürs Publikum. Wir sollen für die Inszenierung „Kinder des Paradieses“ in Stimmung kommen. In die Pariser Stimmung des frühen 19. Jahrhunderts, wir sollen uns fühlen, als wären wir Besucher des Théâtre des Funambules. Jenes Theaters, das im Zentrum des melancholischen filmischen Meisterwerks „Les Enfants du Paradis“ („Kinder des Olymp“) von Regisseur Marcel Carné und Drehbuchautor Jacques Prévert steht.

Der Film erzählt in diesem Milieu die poetische Geschichte der schönen Garance, die von vier Männern geliebt wird, ihre Freiheit jedoch mehr schätzt als jeden einzelnen, außerdem ist er eine wunderschöne Hommage ans Theater. Genau dorthin verlegt ihn die Regisseurin Ola Mafaalani jetzt also und setzt dabei auf Spektakel. Ein großes Ensemble wird aufgefahren, ein halbes Dutzend Akrobaten, drei Livemusiker gibt es auch. Die sind hervorragend, vor allem Eef van Breens klare, schwebende Stimme setzt sich fest. Für romantische Stimmung sorgt Kunstschnee, der sehr ausdauernd aus dem Schnürboden rieselt. Gerade die den Film nacherzählenden Parts des Abends bleiben eben genau das: eine Nacherzählung, eine blasse Kopie. Peter Moltzen trägt als verliebter Pantomime Baptiste Deburau sogar eine ziemlich exakte Nachbildung jenes weißen Pierrot-Kostüms, das auch im Film zu sehen war. Kathrin Wehlisch gibt ihrer Garance immerhin eine kecke Frische. Doch für alle gilt: Viel Figurenentwicklung ist hier nicht drin.

Viel spannender dagegen ist ein anderer Aspekt, der noch deutlich mehr szenische Aufmerksamkeit verdient gehabt hätte: Ola Mafaalani verwebt die Handlung nämlich mit der wahrlich abenteuerlichen Entstehungsgeschichte des Films. Gedreht wurde er in den Jahren 1943/44. Permanent tauchten Spitzel am Drehort auf, sowohl die deutschen Besatzer als auch die Vichy-Regierung machten dem Team die Arbeit schwer. Das Material war knapp, das Essen auch, der Strom war rationalisiert, so dass bisweilen nur eine Stunde pro Tag gedreht werden konnte. All das schimmert immer mal wieder in den Figuren auf, einmal wird es chorisch vorgetragen, in der zweiten, stärkeren Hälfte des dreistündigen Abends wird Peter Moltzen zum detaillierten Berichterstatter.

Als der Film im März 1945 im inzwischen befreiten Paris uraufgeführt wurde, saß sein Star, Hauptdarstellerin Arletty, im Gefängnis. Sie hatte sich mit einem deutschen Offizier eingelassen, was als Kollaboration mit dem Erzfeind gewertet wurde. Und diese Arletty wird an diesem Theaterabend wahrhaft lebendig. Sie ist nahezu beiläufig als Figur fast die ganze Zeit mit auf der Bühne, schaut von außen auf diesen Film, auf ihr Leben. Das ist natürlich ein toller Coup, dass die Regisseurin diese Rolle mit der wunderbaren Ilse Ritter besetzt, die hier mit sprachlicher Prägnanz Ruhe in das ganze Gewusel bringt und die in den Erinnerungen der Arletty Wunden aufreißt. Das sind die schönsten Momente des Abends, der Rest ist viel Budenzauber und wenig Magie.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Kartentel.: 284 08 155. Nächste Termine: 24.1., 7. und 8.2., je 19.30 Uhr

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