Kultur

Im Konzerthaus fehlt der satirische Biss

Dmitrij Kitajenko hat das Konzerthausorchester schon viel über die Finessen der russischen Musiksprache gelehrt. Diesmal aber enttäuscht der Auftakt zum Russland-Abend mit dem ehemaligen Ersten Gastdirigenten. Sergej Prokofjews Suite nach der Musik zum Film "Lieutenant Kijé" steht auf dem Plan.

Der Film ist eine herrliche Satire auf eine Ausgeburt der Bürokratie. Dieser Lieutenant existiert nur durch einen Fehler in einer Kartei, aber er erweist sich als ungemein praktisch, weil man Irrtümer auf ihn abwälzen, ihn nach Belieben befördern oder tadeln, verheiraten oder im leeren Sarg zu Grabe tragen kann. Von all dem ist im Konzerthaus wenig zu spüren. Da stiefelt ein braver Soldat mit behäbigen Schritten über die Bühne. Ein pointierter Zugriff, ein bisschen mehr satirischer Biss hätte der Musik gutgetan.

Sein zweites Violinkonzert hat Prokofjew ebenso wie die Filmmusik Mitte der 30er-Jahre geschrieben. Der Komponist söhnte sich damals mit seiner sowjetischen Heimat aus. Nach seinen Avantgarde-Kompositionen der 20er-Jahre propagierte er eine "neue Einfachheit", die heute fast wie vorauseilender Gehorsam gegenüber Stalin wirkt.

Der russische Geiger Sergej Krylow spielt das Virtuosenkonzert im spätromantischen Stil mit widerborstigen Strichen und tänzerischem Elan. Auch das Orchester findet nachdenkliche Töne, die Prokofjew verteidigen und alles andere als demütig klingen lassen. Paganini als Zugabe provoziert eine Jubelstimmung, die nur noch durch Tschaikowskys populäre 5. Sinfonie in Kitajenkos entfesselter Interpretation überboten wird.

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