"Wolfskinder"

"Ich war immer schon verliebt in diese Oper"

Ulrike Schwab inszeniert „Wolfskinder“ an der Neuköllner Oper. Ein Treffen.

Ulrike Schwab

Ulrike Schwab

Foto: Reto Klar

"Wolfskinder": Das war ursprünglich nur der Arbeitstitel für die anstehende Musiktheater-Produktion an Berlins kleinstem Opernhaus, der Neuköllner Oper. Doch nun heißt das Stück, das am 25. Januar Premiere hat, tatsächlich so. Auf den ersten Blick kann man auf der Internetseite des Hauses fast übersehen, dass es sich um eine Adaption der großen Märchenoper "Hänsel und Gretel" handelt, die Engelbert Humperdinck im Jahr 1893 komponierte. Dieser klanglich aufrauschende Leckerbissen für das weihnachtliche Opernpublikum – unter anderem Titel, in kammermusikalischer Besetzung, gerade mal einen Monat nach einer opulenten Neuinszenierung an der wiedereröffneten Staatsoper, und dann noch im höchst unweihnachtlichen und wenig märchenhaften Berliner Januar?

Die junge Opernregisseurin Ulrike Schwab ist mit ihrer Projektidee eigenständig an die Neuköllner Oper herangetreten, und das Team an der Karl-Marx-Straße war begeistert. "Ich war immer schon verliebt in diese Oper. Ganz früher war ich im Kinderchor am Nationaltheater Mannheim und habe dort die Kuchenkinder gesungen", erzählt Schwab, die später dann an der Hanns-Eisler-Musikhochschule Gesang unter anderem bei Julia Varady studierte. Doch ihre Begeisterung für Humperdincks prunkvoll ausgestattete Märchenoper des Fin de Siècle führte sie tiefer in das Stück hinein, und bei ihrer Recherche entdeckte sie eine Parallele, die mit Prunk und Selbstrepräsentation des wohlhabenden Bürgertums so gar nichts zu tun hat – ja in vieler Hinsicht das Gegenteil darstellt.

Adaption der Märchenoper "Hänsel und Gretel"

Für Ulrike Schwab ist der Kern des Stückes die Verlorenheit der Geschwister Hänsel und Gretel, allein mit ihrem Hunger und ihrer Angst vor dem Dunkel des Waldes. Mit diesem Gedanken ging sie auf die Suche: "Ich habe recherchiert, wo ich andocken kann." Die Geschichte der sogenannten Wolfskinder, jener vornehmlich ostpreußischen Waisen, die in den ersten Nachkriegsjahren durch das Gebiet Lettlands und Litauens streunten, auf der Suche nach Nahrung und Unterkunft, diese Geschichte kannte Ulrike Schwab bis dahin nicht. "Es tat sich für mich eine Welt auf, als ich die Erzählungen damaliger und heutiger minderjähriger Flüchtlinge mit der Handlung von Humperdincks Stück übereinanderlegte." Der Hunger ist ein Thema, das "Hänsel und Gretel" von Anfang an beherrscht. "Eia popeia, das ist eine Not" und "Suse liebe Suse": Diese Nummern genießen durch ihre Hitverdächtigkeit fast schon den musikalischen Ruf der Gemütlich- und Behaglichkeit – doch eigentlich sind sie die Ummantelung einer existenziellen Bedrohung, jener Bedrohung, die auch die historisch verbürgten Wolfskinder nach 1945 antrieb: "Diese Kinder ohne Eltern, ohne Familienstruktur, in einem Land, das nicht mehr ihre Heimat ist." Die Märchen-Assoziation hatte Ulrike Schwab insbesondere durch einen Zeitzeugen-Bericht: Betroffene erinnern sich, dass "die Mär" herumging, es gäbe "in Litauen noch Brot und Kuchen". Für die Heimatlosen könnte diese verwirrende Zeit ihres Lebens, so sie sie überlebten, später den Charakter und den Erzählduktus eines schrecklichen Märchens angenommen haben. Ulrike Schwabs Produktion "Wolfskinder" in der Neuköllner Oper wird inmitten der harten Realität Momente von unwirklicher Nostalgie haben – gerade dazu dient Humperdincks Musik hier. Ulrike Schwab will diese ihr so nahe Musik bewahren, aber auch anpassen.

"Wir können hier an der Neuköllner Oper sehr frei mit dieser Musik und dem spätromantischen Opernapparat umgehen", sagt sie – für die musikalische Einrichtung hat sie den Komponisten und Arrangeur Tobias Schwencke an ihrer Seite. "Wir haben nicht die Aufgabe, jede Note zu spielen, und wir haben kein fettes Orchester dabei." Die Sängerdarstellerinnen und -darsteller sind zugleich die Musizierenden: "Sie nehmen das Werk selbst in die Hand" – und, so Schwab, sie drückten mit dieser sehr individuellen Darstellung "ihres" Humperdinck auch ihre Wertschätzung von so wunderschönen Stücken wie Knusperwalzer, Kindersegen und Hexenritt aus. Ulrike Schwab selbst führt hier zum zweiten Mal an der Neuköllner Oper Regie. Dort bringt man ihr uneingeschränktes Vertrauen entgegen. Nach dem Gesangsstudium an der "Hanns-Eisler"-Hochschule und etlichen Engagements als Sopranistin setzte die Mutter einer 15 Monate alten Tochter das Opernregie-Studium am gleichen Ort noch einmal drauf. Die Grenzen zwischen den Berufen verschwimmen für sie schon lange: "Wenn man in Musiktheaterproduktionen intensiv zusammen arbeitet, werden viele Aufgaben spontan geteilt. Und da habe ich Lust bekommen, selbst Regie zu führen." Jüngst hat Ulrike Schwab in der neuen "Hänsel-und-Gretel"-Inszenierung von Altmeister Achim Freyer in der Staatsoper gesessen – und musste schmunzeln. Denn sie stellte sich vor, wie das dortige Publikum einige Wochen später in ihre "Wolfskinder" geht – und die alte Märchenoper nach dieser Erfahrung im großen Opernhaus noch einmal ganz anders erlebt.

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