Kultur

Die Meisterdiebe aus Moabit

Mit dem Schneidbrenner ans große Geld: Eine Dokumentation über die legendären Sass-Brüder

Sie faszinierten ihre Zeitgenossen so sehr, dass sie noch heute auffindbare Spuren in der Literatur hinterließen. Bertolt Brechts berühmte, in der „Dreigroschenoper“ gestellte Frage etwa, was denn „der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank“ sei, darf man als kleine Hommage an das Lebenswerk der Brüder Sass verstehen. Und auch in Erich Kästners „Emil und die Detektive“ gibt es eine Anspielung auf ihren wohl berühmtesten Coup: den Einbruch in die Diskontobank am Wittenbergplatz, die seinerzeit als sicherstes Geldhaus der Welt galt. Aber wir greifen vor.

Eine siebenköpfige Familie auf 40 Quadratmetern

Im Leben dieser beiden Bankräuber, das Gabi Schlags liebevoll und genau inszenierter Film rekapituliert, spiegelt sich auch die Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Weimarer Republik. Franz und Erich Sass, geboren 1904 und 1906 in Moabit als zwei von fünf Kindern eines Lohnschneiders und einer Wäscherin, wuchsen in ebenso prekären wie beengten Verhältnissen auf. Im Hinterhof an der Birkenstraße 57 hauste die Familie auf gerade einmal 40 Quadratmetern – in jener Zeit keine Seltenheit, wie viele zeitgenössische Fotografien belegen.

Als Jugendliche lernten Franz und Erich das Berlin nach dem Ersten Weltkrieg kennen, wo die Unterschiede zwischen Arm und Reich für jedermann sichtbar zutage lagen, verbunden mit der Gewissheit, dem eigenen Milieu mit legalen Mitteln kaum entfliehen zu können. So verzeichnen die Akten früh kleinere Delikte der beiden, bis sie 1926 entschieden, sich dem unerlaubten Öffnen von Geldschränken zuzuwenden. Dabei benutzten sie ein damals neuartiges Gerät, von dem sie schon bald als Einbrecher neuen Typs von sich reden machen sollten. Die Brüder Sass waren keine plumpen Tresorsprengmeister mit Dynamitstangen im Gewand. Man nahm lieber den Schneidbrenner. Ein Fabrikat der Firma Fernholtz.

Die leider zu später Stunde in der ARD ausgestrahlte RBB-Dokumentation gewinnt ihre Spannung durch eine kluge Mischung aus Archivmaterial, einordnende Kommentare und gespielten Szenen in Schwarz-Weiß, in denen unter anderen die Schauspieler Max Radestock (Franz Sass) und Maik Rogge (Erich Sass) zum Einsatz kommen. Folke Paulsen spielt den Kriminalhauptkommissar Max Fabich, der alsbald den beiden Einbrechern auf die Schliche kommen sollte. Auch wenn sie zunächst noch scheiterten, in der Depositenkasse der Deutschen Bank in Moabit etwa oder in der Reichsbahndirektion am Schöneberger Ufer. Alle Indizien schienen auf die Brüder zu weisen, denen Fabich jedoch nichts nachweisen konnte. Selbst dann nicht, als ihnen ihr Meisterstück gelang: Durch einen Lüftungsschacht drangen sie am 27. Januar 1929 in die Stahlkammer der Diskontobank am Wittenbergplatz ein und räumten sie fast vollständig leer. Das Foto der aufgebrochenen Schließfächer machte überall die Runde – von den einen als berechtigter Schlag gegen das Kapital gefeiert, von den anderen als Kapitalverbrechen gebrandmarkt.

Zweieinhalb Millionen Reichsmark konnten sie erbeuten. Fabich ließ sie in der Untersuchungshaft schmoren, aber ihr hartnäckiges Leugnen und der Mangel an Beweisen brachte sie wieder in Freiheit. Mit edler Kleidung konnten die beiden nun in einer denkwürdigen Pressekonferenz zugleich ihre angebliche Unschuld beteuern und mit den Filmangeboten prahlen, die ihnen bereits unterbreitet worden waren. Dass sie niemand verriet, beruhte auch auf ihrer Großzügigkeit, mit der sie sich der Solidarität ihrer Nachbarn versicherten. Sie waren Berühmtheiten.

Doch der Wind drehte sich. Im Nationalsozialismus sahen die schillernden Brüder nach 1933 keinen Raum mehr für ihren flamboyanten Lebenswandel. Sie emigrierten nach Dänemark, wo sie nach einem Einbruch aufgespürt und gefasst wurden. Nach ihrer Haftstrafe lieferte man sie nach Deutschland aus, wo sie 1942 im KZ Sachsenhausen erschossen wurden. Bei ihren Einbrüchen ist nie ein Mensch verletzt oder getötet worden.

Tatort Berlin – Die Bankräuber-Brüder Sass. ARD, Montag, 23.30 Uhr

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