Kunst, das ist nichts weiter als die Verteilung von Farbe auf einer Fläche. Das hat der amerikanische Kunstkritiker Clement Greenberg – sinngemäß – über die abstrakte Malerei in der Mitte des 20. Jahrhunderts gesagt. Indem die Malerei die Gegenständlichkeit überwindet, kommt sie zu sich selbst.

Von diesem Gedanken anregen lassen hat sich auch die französische Autorin Yasmina Reza („Gott des Gemetzels“). In ihrem Theaterstück „Kunst“, 1994 in Paris uraufgeführt und danach in über 40 Sprachen übersetzt, entzündet sich an einem weißen Bild mit weißen Streifen ein Streit zwischen drei Freunden, der sie zu dem Wesen der und speziell ihrer Freundschaft führt.

Für 100.000 Euro, ursprünglich waren es mal 200.000 Francs, aber inflationsbereinigt kommt das schon hin, hat sich der Dermatologe Serge ein monochromes Kunstwerk gekauft. Stolz präsentiert er es erst seinem Freund Marc, vom Charakter her eher ein konservativer Mensch und der Gegenständlichkeit zugeneigt. Marc lässt alle Diplomatie außen vor und bezeichnet das Werk unverblümt als „weiße Scheiße“.

Klar, dass das der Beziehung wenig förderlich ist, zumal Marc davon überzeugt ist, dass Serge das Bild auch selbst nicht gut findet. Der Dritte in der Runde ist Yvan, vom Typ her ein Mensch des Ausgleichs. Er steht kurz vor seiner Hochzeit und muss gerade einige Dispute mit Mutter und Schwiegermutter ausstehen. Er freut sich auf einen entspannenden Abend mit seinen Freunden. Dass sein vermeintlicher Rückzugsort dann auch noch konfliktbeladen ist, macht ihn nicht gerade glücklicher und das Stück um einige Pointen reicher.

Während sich Berlin als Kunststandort schwertut, hat „Kunst“ die hiesigen Theaterbühnen längst erobert. 1995 zeigte die Schaubühne das Stück in der legendären Besetzung mit Peter Simonischek, Udo Samel und Gerd Wameling. Als es dort nach 240 Vorstellungen vom Spielplan verschwand, griff das Renaissance-Theater zu und übernahm die Aufführung einschließlich der Schauspieler, „Kunst“ lief dort noch etliche Jahre.

Jetzt hat Oliver Reese, seit dieser Spielzeit neuer Intendant des Berliner Ensembles, seine Inszenierung, die ursprünglich am Frankfurter Schauspiel herausgekommen war, in Berlin präsentiert, am Silvesterabend hatte sie ihre doppelte Premiere, einmal um 17 und danach um 21 Uhr. Wolfgang Michael gibt seinem Marc eine Prise Robespierre mit. In ästhetischen Fragen hält er sein Urteil für sakrosankt. Für Serge aber ist der Kauf des Gemäldes auch ein Akt der Emanzipation von diesem Geschmacksterror. Bei Martin Rentzsch bekommt Serge eine snobistische Attitüde.

Zwischen allen Stühlen bewegt sich Yvan. Er ist der Prügelknabe, soll ständig Stellung beziehen und wird gleichzeitig als Schleimer beschimpft. Sascha Nathan kostet die Rolle ziemlich aus, er bietet das ganze Gefühlsspektrum von ausbrechender Freude bis zur tiefen Niedergeschlagenheit. Als Serge schließlich ein paar Gehässigkeiten über Marcs Lebensgefährtin sagt und mit der Hand genüsslich Paulas Geste des Zigarettenrauchvertreibens imitiert, kommt es zu einer Prügelei. Verletzt wird natürlich Yvan.

Bühnenbildner Hansjörg Hartung hat einen Rahmen um Serges Wohnzimmer gebaut, im Zentrum steht ein Sofa-Klassiker aus dem 80er-Jahren – und das Gemälde, das der Hausherr nur mit weißen Handschuhen anfasst. Er weiß noch nicht, wo er es hinhängen soll, wo die „Schwingungen“ des Bildes am besten in den Raum ausstrahlen. Charakterisierende Bilder hängen auch in den Wohnungen der beiden anderen, die mit Sitzsack (Yvan) beziehungsweise dunkler Holzvertäfelung (Marc) ausgestattet sind. Regisseur Oliver Reese trägt zwar mit einem etwas dicken Pinselstrich auf, aber das kam beim Publikum am Silvesterabend gut an.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Kartentelefon: 28 40 81 55. Wieder am 28. Januar