Konzertkritik

Extrabreit liefern eine laute Zeitreise in die 80er Jahre

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Alexander Gumz
Im Lido haben am Freitagabend Extrabreit gespielt (Archiv)

Im Lido haben am Freitagabend Extrabreit gespielt (Archiv)

Foto: Massimo Rodari

Im Lido feiern Extrabreit den Deutschrock der 80 Jahre. Für alte wie junge Fans eine gelungener Auftritt.

Berlin Kreuzberg. Wir schrieben das Jahr 1982. Alles wie immer: Der Laden ist voll, die Anlage laut. Mädchen lehnen kühl am Tresen, Jungs in schwarzen Hoodies stehen am Rand, Bier in der Hand, und nicken im Takt. Ein paar Punks pogen. Nur sind alle, bei genauerem Hinsehen, irgendwie älter – so um die fünfzig. Die Iros sind schon etwas dünn, die Falten sitzen tief. Hier und da glänzt eine Glatze im Halbdunkel. Etwas stimmt nicht mit der Zeitmaschine.

Diese Menschen waren jung, als Kreuzberg jung war, als die Neue Deutsche Welle ihre Hochzeit hatte – bevor sie abschmierte Richtung Spaßmucke, die Geier Sturzflug oder die Erste Allgemeine Verunsicherung aus ihr machten. Und diese Menschen sind gekommen, nochmal ihre Jugend zu feiern: Extrabreit zu hören. Doch selten hat man so geballte Unangepasstheit in einem Konzertsaal gesehen.

Extrabreit zelebrieren den Deutschrock

Auch die Band ackert kräftig, die Zeitschleife in Bewegung zu halten. Drummer Rolf Möller steckt in einem Muscleshirt und prügelt – nur unterstützt von einem Verband am rechten Handgelenk – aufs Schlagwerk ein. Gitarrist Stefan Kleinkrieg brettert powerchord-seelig dahin, lässt die Soli jaulen und zitiert schon mal für ein paar Takte die Rolling Stones. Sänger Kai Havaii schmeißt sich ran ans Publikum, mit gehobener Kleinstadt-Entertainer-Grandezza. Seine Stimme schneidet glatt durch die aufgeheizte Luft.

Und alle drei Herren sind über sechzig Jahre alt, in einer Angestelltenkarriere: knapp vor Rente. Havaii sagt dazu nur lapidar: „Jetzt wollen wir mal den den guten alten Deutschrock ein wenig zelebrieren“. Und das tun sie, über zwei Stunden lang, mit Spaß an der Arbeit. Geredet wird nur wenig. Die Snaredrum knallt, der Bass pumpt, die Marshall-Verstärker brätzen und jaulen. Und falls jemand das Coole einiger früher Studioaufnahmen vermisst: der hat Extrabreit in den 80ern nicht live gesehen. Den inneren Schweinerock haben sie schon damals auf der Bühne nicht bändigen können.

Am Ende schmettert das Publikum haltlos mit

Und so ist es auch kein Zufall, dass sie an diesem verschwitzten Abend mal wie AC/CD klingen, mal Status Quo, mal wie die Toten Hosen – eine Band, die – gegründet als Extrabreit ganz oben in den Chart standen – ohne sie nicht denkbar wäre. In Sportarenen spielen Extrabreit heute nicht mehr, aber je länger das Konzert im dicht gepackten Lido dauert, desto größer werden die Gesten. Das Stadionformat sitzt der Band in den Knochen, da lässt sich nichts machen.

Doch niemand soll sich beschweren – es gibt wirklich alle Hits, die man hören wollte: „Geisterbahn fahrn“, „Kleptomanie“, „Polizisten“. Richtig wild wirds aber erst bei den extrabreiten Coverversionen von Hildegard Knefs „Für mich soll's rote Rosen regnen“ und Hans Albers' „Flieger, grüß mir die Sonne“. Da schießen Arme in die Luft. Es wird haltlos mitgeschmettert. Zwei nicht mehr ganz junge Jungs hüpfen nebeneinander im Takt auf und ab. Bei der Zugabe „Hurra, hurra, die Schule brennt“ kommen zwei weitere dazu, die sichtlich heute noch zur Schule gehen. Alle vier klatschen einander ab. Vielleicht funktioniert diese Zeitmaschine ja doch.