Der nächtliche Himmel verdichtet sich zu einem irren Sog, die Zypressen sind schwarze Monster, der Mond glüht so, als würde er gleich explodieren. Diese pastose „Sternennacht“ malte Vincent van Gogh 1889 während seines Aufenthaltes in der Psychiatrie in St. Remy im Süden Frankreichs. In ihm tobten Dämonen, die verzerrten auch die Perspektiven der Gegenstände, die er um sich herum wahrnahm.
Mit der „Sternennacht“ beginnt „Loving Vincent“ – der Film über den wahnsinnigen Maler ohne Ohr, der erst weltberühmt wurde, als er längst tot war. Mit ihm gerät der Zuschauer in einen Strudel von blauen, gelben, orangen Strichen. Alles flimmert. Alles löst sich auf.

Nach Rodin und Gauguin wieder ein Biopic eines bildenden Künstlers, mögen einige Cineasten denken. Doch dieser „Loving Vincent“ von dem Duo Dorota Kobiela und Hugh Welchman ist ganz anders: ein Film wie eine große Ausstellung. Beide Filmemacher haben sich lange mit dem Ausnahmekünstler beschäftigt, da spielt viel Leidenschaft mit. Technisch ist er ohnehin eine Sensation – weltweit der erste vollständig gemalte Spielfilm als reine Animation. Kostümierte Schauspieler spielten die Szenen, die als Bildvorlage Pinselstrich für Pinselstrich animiert wurden. Sie agierten in Sets, die exakt den Gemälden nachgebaut wurden, oder vor Green- beziehungsweise Bluescreen. Großes Kino für die Augen!
Im Film gibt es 94 Bilder, die sich exakt auf die Originale beziehen. Einige Szenen übernehmen nur Bildteile, doch fast alle Schauplätze wirken wie vom Meister selbst gemalt. Das ist nicht einfach, denn Vincent van Gogh hatte einen sehr eigenen Stil und einen ziemlich heftigen Farbauftrag. Wir sehen das „Weizenfeld“, „Die Boote am Ufer der Oise“, das Absinth-geschwängerte „Nachtcafé“ im schrillen Komplementärkontrast. Auch der Postmeister Joseph Roulin (Chris O’Dowd) und Dr. Gachet (Jerome Flynn) schauen haargenau so aus wie auf seinen Porträts. Selbst deren verschobene Mimik und Gestik ist rundum à la van Gogh. Nur bei jenen Szenen, für die es keine Originale gibt, entschied sich das Regieduo für einen neutralen Malstil in Schwarz-Weiß.
Der Film ist aufgebaut wie ein Kunst-Krimi
So sind 65.000 Einzelbilder entstanden, dafür waren ganze 125 Maler am Werk, 5000 hatten sich beworben, wie Hugh Welchmann in einem Interview erzählt. Allein um 30 Sekunden des Filmes fertigzustellen, brauchten die Maler viele, viele Tage. Bei einer Spieldauer von 94 Minuten darf man sich den zeitlichen Aufwand ausrechnen. Zweifellos die langsamste Methode, die es je bei Filmproduktionen gab.

„Loving Vincent“ ist aufgebaut wie ein Kunst-Krimi. 1891 beginnt er, ein Jahr nach dem Tod des angeschlagenen Malers. Im Zentrum steht Armand Roulin (Douglas Booth), Sohn des Postmeisters in Arles, der viele Jahre mit der Korrespondenz van Goghs vertraut war. Er soll einen plötzlich aufgetauchten Brief posthum an dessen Bruder Theo in Paris ausliefern. So macht er sich, zunächst recht unwillig, auf die Reise, in deren Verlauf ihm der genialische Künstler immer näher kommt.
Der vier Jahre jüngere Theo, so muss Armand in Paris erfahren, ist auch tot – mit 33 Jahren in einer Nervenanstalt an Syphilis verstorben. Er hatte wohl auch die Balance verloren – eingekeilt zwischen seinem wahnsinnigen Bruder und den Zwängen einer bürgerlichen Existenz als Kunsthändler. Jahrelang hatte er Vincent finanziell unterstützt, die Bilder aber wollte niemand kaufen. Armand sucht weiter nach Bezugspersonen des Malers, um seinen Brief loszuwerden. Und so landet er schließlich in Auvers-sur-Ois, wo der Künstler die letzten Wochen seines Lebens verbrachte. Dort stand ihm Doktor Paul Gachet (Jerome Flynn) zur Seite, zu deren Tochter Marguerite (Saoirse Ronan) van Gogh eine Beziehung gehabt haben soll.
Je mehr Armand sich mit van Gogh beschäftigt, um so stärker werden seine Zweifel an dessen Selbstmord. Warum schoss er sich in den Bauch und nicht gleich ins Herz? Zumal der schräge Einschusswinkel nicht stimmte, der Revolver nicht gefunden wurde. Oder wurde er von den betrunkenen Typen ermordet, die ihn schon lange als „Dorfidioten“ verfolgt hatten? Und warum hatte ihn Dr. Gachet nicht operiert, ihn gerettet? Das hätte er als ehemaliger Militärarzt doch gekonnt. Warum reagiert dieser überhaupt so komisch? Und ja, da war auch noch der Künstlerfreund Paul Gauguin, der sein Haus im Streit verlassen hat.
Um van Goghs Tod gibt es tatsächlich Spekulationen. Es ging ihm gesundheitlich zu diesem Zeitpunkt besser. Er hatte die Nervenklinik in St. Remy hinter sich, galt als „geheilt“, soweit man das von einer Depression in Schüben überhaupt sagen kann, fühlte sich sogar „gelassen“, wie er Theo schrieb. Kurz zuvor hatte er sogar neue Farbe bestellt. Doch allzu oft quälten ihn auch Selbstzweifel, er fühlte sich als „Nichts“, „Niemand“, als „Niedrigster unter Niedrigen“. Erst mit 28 Jahren hatte er angefangen zu malen.
Am Ende sehen wir wieder den funkelnden „Sternenhimmel“. Heute ist dieses Gemälde unbezahlbar, hängt im Museum of Modern Art, dem MoMA in New York. Armand sitzt mit seinem Vater auf einer Bank. Ein letzter Moment, wo etwas zu viel Pathos aufkommt. Dieses Happy End passt einfach nicht zu van Gogh und seinem Leben. Egal, wir würden jetzt gern ins Museum gehen und van Gogh im Original anschauen.


