Die Sopranistin Simone Kermes ist nicht nur eine eindrucksvolle Barocksängerin. Mit ihren unkonventionellen Bühnenshows regt die „Lady Gaga der Klassik“ auch die Fantasie an. Am zweiten Weihnachtsfeiertag tritt sie in der Volksbühne auf.
Frau Kermes,die Volksbühne ist gerade Berlins umstrittenstes Theater. Warum geben Sie Ihr Weihnachtskonzert ausgerechnet dort?
Simone Kermes: Das Haus wird jetzt von vielen Künstlern und Zuschauern boykottiert, die den neuen Intendanten nicht akzeptieren. Damit habe ich nicht gerechnet, als ich das Konzert vereinbart habe. Ich bin trotzdem zuversichtlich. Ich finde es ziemlich cool, dass ich die erste klassische Sängerin dort bin. Ich glaube, dass unter Chris Dercon viel Neues probiert wird. Vielleicht sollten die Menschen einfach ein bisschen offen sein und ihm eine Chance geben.
Sie wohnen in der Nähe der Volksbühne. Waren Sie öfter als Besucherin dort?
Ich war oft bei den verrückten Inszenierungen von Johann Kresnik. Bei „Macbeth“ gab es diese riesige Wanne. Immer wenn jemand abgeschlachtet wurde, wurden die Eingeweide und das Blut hineingekippt. Es wurde ständig gemordet, und die Wanne füllte sich. Viele Leute sind hinausgegangen, weil es ziemlich eklig war. Mich hat es sehr berührt.
Sie lieben also extreme Inszenierungen?
Nicht um jeden Preis. Die Opernproduktionen, in denen ich aufgetreten bin, waren selten traditionell, weil ich da gar nicht hineingepasst hätte. In der Oper will man aber manchmal auch einfach einen schönen Abend erleben. Bei „Hänsel und Gretel“ möchte man in eine Märchenwelt eintauchen. Man erhofft sich echte Menschen auf der Bühne, um wirklich berührt und entführt zu werden. Heute ist manches zu extrem.
Wie sind Sie denn als Sängerin mit der Volksbühne in Kontakt gekommen?
Das kam durch einen Fan, der mich immer verfolgt hat und der an der Volksbühne arbeitet. In dem Programm „Metamorfosi“ gibt es viel Barockmusik. Es wird aber auch eine Reise von der Renaissance bis in die Neuzeit mit Werken von Monteverdi, Purcell, Bach, Händel, Rossini und Bernstein, begleitet von Klavier, Kontrabass und Schlagzeug. Zwei Musiker kommen aus dem Jazzbereich. Wir unterlegen die Original-Melodien mit neuen Arrangements. Dabei entsteht etwas Zeitloses. Wenn man nicht wüsste, dass die Musik alt ist, würde man sie für zeitgenössisch halten. Special Guest ist der Geiger Jasser Haj Youssef, der Lieder für mich im arabischen Stil komponiert hat. Es ist ein unterhaltsames Programm auch für Klassik-Einsteiger, mit einem Weihnachtslied als Zugabe.
Woran arbeiten Sie sonst gerade?
An meiner neuen CD und an einer Punkoper mit Punkkünstlern aus der Berliner Szene, Schauspielern, Video und Technik. Es geht um die Liebe und in gewisser Weise um mein Leben, um Stationen, die mich geformt haben. Ich habe geweint, als ich das Libretto gelesen habe, so viel steckt von mir darin. Das wird großes Kino.

