Zum 100. Geburtstag

Heinrich Böll - Der Schriftsteller und Aktivist

| Lesedauer: 6 Minuten
Elisa von Hof
Der Streitbare: Heinrich Böll Anfang der 80er-Jahre an seinem Schreibtisch in seiner Wohnung in Bornheim

Der Streitbare: Heinrich Böll Anfang der 80er-Jahre an seinem Schreibtisch in seiner Wohnung in Bornheim

Foto: SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

Am heutigen Donnerstag wäre Heinrich Böll 100 Jahre alt geworden. Was bleibt von seinem Wirken? Eine Erinnerung.

Literatur rettet Leben. Das war ihm schon immer klar. Die hat ihn gerettet, mit der hat er andere gerettet. Das Gewissen der Nation wollte er trotzdem nie sein. Und auch sonst in keiner Schublade stecken. Am heutigen Donnerstag wäre Heinrich Böll 100 Jahre alt geworden. Wenn man heute auf sein Leben schaut, dann wundert man sich ein wenig: Ein Schriftsteller, der sich so einmischt wie Böll, der keine Konfrontation scheut und keine Kritik, der sich anlegt mit dem Staat und den Medien, der kommt einem fremd vor, zumindest mir.

Als ich geboren wurde, war Heinrich Böll bereits sechs Jahre tot. Und ein bisschen vergessen auch. Gelesen bloß in der Schule oder aus Nostalgie und manchmal aus Lust am Skandal.

„Böll? Ist das nicht der, der die RAF verteidigt hat?“

„Böll“, sagt ein Bekannter zu mir, „ist das nicht der, der die RAF verteidigt hat?“ Das ist wohl eines der Dinge, der Klischees, die konserviert sind. Kann man noch etwas lernen von Böll im Jahr 2017? Sein 100. Geburtstag kann der Anlass werden, das herauszufinden.

Mit dem Schreiben beginnt Böll schon in der Schule in Köln. Sein Ziel: Schriftsteller werden oder, klar, irgendwas mit Büchern – so nennt er später auch einen seiner Texte. Nach der Schule beginnt er eine Buchhändlerlehre, studiert dann aber doch lieber Literatur, bis ihm der Krieg dazwischenkommt. Und ihn verändert.

Sechs Jahre ist Böll an der Front und verabscheut den Krieg. „Ich hasse die Hölle des Lazaretts, ich hasse die Hölle der Uniform“, schreibt er in seinen Tagebüchern. Wer Böll verstehen will, seinen Pazifismus und das Engagement, der muss hier mit dem Lesen beginnen, bei den knappen Berichten und assoziativen Kettensätzen, die posthum veröffentlicht worden sind. Warum sich Böll 1983 mit schwarzer Baskenmütze vor die Raketen in Mutlangen setzt, das kann man schon 40 Jahre früher lesen. Und vielleicht kann man das von ihm lernen, auch wenn man nie einen Krieg erlebt hat, dass es sich immer lohnt, sich vor eine Rakete zu setzen. Auch wenn der Protest gegen ihre Stationierung nichts nützt.

Im Krieg beginnt er, seiner Frau Annemarie täglich zu schreiben. Von Hilflosigkeit, Ekel, Angst und Widerstand. „Das Schreiben wurde für ihn lebenswichtig“, sagt sie später. Aus der Kriegsgefangenschaft kehrt Böll mit der Gewissheit heim: Um zu leben, muss ich schreiben. Und zwar vom Krieg.

„Keine Sau will etwas vom Krieg lesen“

„Keine Sau will etwas vom Krieg lesen“, urteilt er wenig später. Es ist seine Frau, die die fünfköpfige Familie in diesen Jahren über Wasser hält. Denn gedruckt wurde er nicht. „Möglicherweise würde es mir sehr nützlich sein, der Literatur für einige Jahre ‚Auf Wiedersehen‘ zu sagen“, schreibt er. Er tut es nicht. Verlage interessieren sich erst für Böll, als er 1951 von der Gruppe 47 eingeladen wird und mit seiner Erzählung „Die schwarzen Schafe“ den Preis der Schriftstellergruppe gewinnt. Wer die Geschichte kennt, der weiß, die Ironie, der subtile Humor, die vorurteilsfreie Distanz zu den Figuren, die zeichnen auch die späteren Texte aus. Und auch das: sich mit Banalitäten zu beschäftigen und mit denen, die man „die kleinen Leute“ nennt. Das ist Bölls Poetologie der Waschküchen.

In den nächsten 20 Jahren schreibt Böll ohne Pause. Rezensionen, Essays, Romane, Kurzgeschichten, Gedichte. Er schreibt gegen den Zeitgeist, gegen Adenauer, mit dem er bloß die rheinländische Heimat gemein hat. In „Ansichten eines Clowns“ gegen den unkritischen Wertewandel der Nachkriegsgesellschaft. Er schreibt über die Armut und Schönheit Irlands, in das „Irische Tagebuch“, und über und von unten. Wie in „Gruppenbild mit Dame“, das 1972 den Ausschlag dazu gibt, ihm den Literaturnobelpreis zu verleihen.

Zur Verleihung reist Böll im geliehenen Frack, das ist sein Humor. In dem Roman rekonstruiert er das Leben von Leni Pfeiffer, die wegen ihrer Liebe zu einem sowjetischen Kriegsgefangenen als „Sowjet-Hure“ beschimpft wird. Pfeiffer verliebt sich ohne Ressentiment, sie ist blind fürs Anfeinden und Ausgrenzen. Vielleicht kann man also auch das von Bölls Texten lernen, 2017, wo Rechtspopulismus und blinder Nationalismus plötzlich wieder möglich scheinen.

Das ist ohnehin seins: anecken, nichts hinnehmen, sich von keinem Lager, keiner Partei vereinnahmen lassen. 1972 führt Böll Krieg gegen den Axel-Springer-Konzern. Im Essay „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ kritisiert er im „Spiegel“ die Vorverteilungen der RAF durch die „Bild“. Bis zum rechtskräftigen Gerichtsurteil bestehe für jeden Menschen die Unschuldsvermutung, schreibt er, und gilt dafür bis heute als Sympathisant des Terrors. Auch darauf reagiert er schreibend. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ wird eines seiner populärsten Werke. Auch nach Anfeindungen und Hausdurchsuchungen schreibt er weiter und protestiert. Für die vietnamesischen „boat people“, den Frieden und gegen den Nato-Doppelbeschluss.

Zeit seines Lebens hat er sich eingemischt

Vielleicht mischt er sich zeit seines Lebens so viel ein, dass man immer den politischen Böll meint, wenn man den literarischen angreift – und das geschieht nicht selten, bis zu seinem Tod 1985. Was bleibt also von Heinrich Böll? „Einmischen ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben.“