Kultur

„Ich ziehe es vor, Berliner zu sein“

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Maria Bidian

Ernest Wichner leitete 14 Jahre das Literaturhaus in Charlottenburg. Jetzt geht er in den Ruhestand und plant seine eigenen Projekte. Ein Treffen

„Herta“, ruft Ernest Wichner und breitet die Arme aus. Herta Müller strahlt. Der Leiter des Literaturhauses und die Literaturnobelpreisträgerin begrüßen sich mit Wangenküssen. „Was machst du? Wie geht es dir?“, die sonst so distanziert wirkenden Schriftsteller sind warm und herzlich. Schließlich kennen sie sich seit 50 Jahren und reisen noch heute zusammen zu Lesungen. Die gefeierte Preisträgerin und ihr Moderator und Interviewpartner. „Meine Geschirrspülmaschine wird gerade repariert, deshalb gehe ich jetzt spazieren. Geradeaus, so lange ich Lust habe, und zum Schluss noch etwas einkaufen“, sagt Herta Müller. Zurück im Literaturhaus in Charlottenburg ist das Büro von Ernest Wichner angenehm warm. Der lange Schreibtisch aus dunklem Holz ist von Bücherregalen umgeben. Die großen Fenster eröffnen den Blick auf eine baumumwachsene Terrasse.

Kennengelernt haben sich Ernest Wichner und Herta Müller im rumänischen Timişoara. 1952 wurde Wichner als Teil der deutschen Minderheit, der Banater Schwaben, im westrumänischen Guttenbrunn geboren. In Timişoara studierte er Germanistik und Rumänistik. 1975 siedelte er in die Bundesrepublik über. An der Freien Universität Berlin studierte er Germanistik und Politikwissenschaft.

Seine Eltern waren Schneider. Als 1945 die Enteignungen der Bevölkerung begannen, sahen die Menschen die Zukunft ihrer Kinder in der Bildung. Denn einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb würden sie nicht mehr bewirtschaften dürfen. Wer konnte, schickte seinen Nachwuchs in die Schule und zur Universität. Die Bauernkinder trafen sich in den Städten und gründeten Interessengemeinschaften, in denen sie sich gegenseitig weiterbildeten. So entstand auch die „Aktionsgruppe Banat“. Ein Schriftstellerkreis, den Wichner 1972 zusammen mit Freunden gründete und der 1975 von Seiten der kommunistischen Diktatur aufgelöst wurde. Einige der Mitglieder wurden verhaftet.

Zu diesem Zeitpunkt war Wichner jedoch bereits in Deutschland. Da er Teil der deutschen Minderheit war, hatten seine Eltern während seiner Schulzeit einen Ausreiseantrag für ihn stellen können. Nach 14 Jahren wurde dieser genehmigt. Der damals 23-Jährige gab seine rumänische Staatsbürgerschaft ab, verkaufte und verschenkte sein Eigentum und reiste mit Handgepäck nach Deutschland.

Flucht vor der Diktatur und konservativen Weltbildern

„Meine Ausreise war nicht nur eine Flucht vor der Diktatur, sondern auch eine Flucht aus der deutschen Minderheit“, sagt Wichner heute. Er habe in der deutschen Literatur aufgehen wollen, weit entfernt von konservativ-traditionellen Weltbildern. Und er hatte Glück. Als er in Berlin ankam, war er jung, gebildet, sprach fließend Deutsch und fühlte sich an der Universität gleich wohl. „Ich habe mich in Berlin nie fremd gefühlt“, so Wichner. Geld verdiente er damit, seine Gedichte im Sender Freies Berlin (SFB) vorzulesen. Das sei fantastisch gewesen. Heute sei so etwas nicht mehr möglich. In den Medien sei kaum noch Platz für Literatur. Da gäbe es nur noch verflachte Diskussionsrunden, sagt er.

Als seine Kinder geboren wurden, reichten die Studentenjobs nicht mehr. „Ich bin in meinem Beruf gelandet, weil mir klar war, dass ich mit dem, was ich literarisch anbiete, nicht überleben kann.“ Heute lebt Ernest Wichner mit seiner Frau in Friedenau. Zusammen haben sie zwei Söhne. Mit der alten Heimat des Vaters haben die Kinder nichts zu tun. Sie hätten einmal eine Tour durch Rumänien gemacht, sagt Wichner. Die Kinder hätten es dort „ulkig“ gefunden. „Ich ziehe es vor, Berliner zu sein“, so Wichner. Die Berliner seien doch alle so wie er: von irgendwo anders in die Stadt gekommen.

Ernest Wichner sitzt hinter seinem Schreibtisch. Der Zeigefinger der rechten Hand klickt schnell hintereinander auf die Computermaus. „Hier müssen sie irgendwo sein“, murmelt er und starrt auf den Laptop-Bildschirm. Er ist voller Bilder und Dokumente.

„Es ist nichts Besonderes für mich zu wissen, dass es bald vorbei ist“, sagt der 65-Jährige. Das Haus zu leiten, sei ihm in den letzten Jahren immer schwerer gefallen. Die Koordination der Mitarbeiter, die Veranstaltungen, die Geselligkeit. Oft dauert eine Lesung bis 21.30 Uhr, dann geht es ins Café. Meist ist Ernest Wichner dann erst um 1 Uhr zu Hause. Dann trinkt er am Küchentisch mit seiner Frau ein Glas Wein. Am nächsten Tag dann wieder die Arbeit. Dabei wolle er eigentlich mehr Zeit für seine Übersetzungen und Gedichte haben, sagt Wichner. Am Wochenende genießt er die Zeit am heimischen Schreibtisch. Wenn er einmal im Ruhestand ist, will er einen Kanon der rumänischen Literatur publizieren; aus deutscher Sicht für deutsche Leser. „Eigentlich glücklich ist man nur mit sich allein und im Freien“, schreibt Wichner in seinem Gedicht „Brief“. Menschenmassen möge er überhaupt nicht. So seien die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt für ihn eine stressige Angelegenheit. „Literatur sollte am besten in einem geschlossenen Raum mit guter Tonanlage besprochen oder vorgestellt werden, sie eignet sich nicht dazu, eine Show zu veranstalten.“

Künftig wohl Programme für jüngere Besucher

Sicher und mit guter Akustik ausgestattet ist das Literaturhaus. Das Publikum besteht hauptsächlich aus Menschen über 45. Das sei seit 30 Jahren so und auch nicht weiter schlimm, so Wichner. Denn jedes Jahr wird ein neuer Jahrgang 45 Jahre. Eine Altersstruktur, die sich 2018 ändern könnte. Dann übernehmen die Literaturwissenschaftlerin Janika Gelinek sowie die Amerikanistin und Kunsthistorikerin Sonja Longolius die Leitung des Hauses. Beide sind 38. Angst vor Neuerungen im Literaturhaus habe er nicht, so Wichner. Er stehe Formaten wie dem „Poetry Slam“ zwar kritisch gegenüber, aber das Haus gehöre schließlich nicht ihm und gegen eine professionelle Umsetzung neuer Ideen habe er nichts. Er selbst halte sich aber lieber daran, was er könne und was ihn interessiere. Er wolle dem schlecht bezahlten Autor anspruchsvoller Literatur einen Platz bieten, nicht dem gut bezahlten Mainstreamproduzenten.

Endlich ist der richtige Ordner auf dem Laptop gefunden. Und da sind sie auch schon, die Fotos der drei Freunde: Herta Müller, Oskar Pastior und Ernest Wichner. 2004 reisten sie zusammen in die Ukraine, an die Lagerorte, zu denen Pastior zwischen 1945 und 1949 als rumäniendeutscher Zwangsarbeiter verschleppt worden war. Pastiors Erinnerungen verdichtete Müller in ihrem Roman „Atemschaukel“.

Auf den Fotos stehen die drei Schriftsteller auf einem weiten Feld. Herta Müller zeigt auf eine Koksbatterie. „Herta hat sich alles erklären lassen“, sagt Wichner. Für den Büchner-Preisträger Pastior war es ein emotionaler Schock, nach 60 Jahren in das Lager zurückzukehren. Es hatte sich kaum etwas verändert, die Fabrik, die Gleise für die Waggons mit den Kohlen, der Keller, in dem die giftige Schlacke verladen wurde. Auch auf dem Markt gab es noch das sauer eingelegte Gemüse, das frische Obst und die selbst geschlachteten Hühner – so wie damals, nur heute mit Plastiktüten umpackt.

„Er hat die ganze Zeit gefuttert“, sagt Wichner. Als 17 Jahre alter Zwangsarbeiter sah Pastior hungernd auf die gefüllten Marktstände, als 77-Jähriger kaufte er sich trotz Altersdiabetes ein Kilogramm Schokoladengebäck. „Herta klopfte an meine Zimmertür und sagte ,Ernest, du musst kommen und Oskar verbieten, die Schokolade aufzuessen‘“, erzählt Wichner. Pastior habe wieder den gleichen Hunger wie damals gehabt, und auch in seinen Träumen war er wieder im Lager.

Da die Rede gerade von Träumen war, wie war das eigentlich 2009, als Herta Müller den Nobelpreis für Literatur erhielt? „Es war eine Erleichterung“, sagt Wichner. Schon 2008 hatten viele mit ihrer Auszeichnung gerechnet. Vor Müllers Wohnung standen Journalisten, kein Durchkommen mehr. Ein Jahr später wieder das Warten auf die Verkündung des Preisträgers. Dann wurde Herta Müller ausgezeichnet. Und die ganze Welt interessierte sich auf einmal für sie. „Sie hatte mich nach Stockholm zur Preisübergabe eingeladen, wir schliefen alle zusammen im selben Hotel“, sagt Wichner nüchtern. Gefrühstückt hätten sie dann alle gemeinsam, wunderbar normal. Denn, „auch Nobelpreisträger sind nur Menschen“, so Wichner.