Konzert im Astra

Cigarettes after Sex lieben es langsam, aber intensiv

Cigarettes after Sex machen düstere, klaustrophobische Musik und füllen damit das Astra bis auf den letzten Platz.

Greg Gonzales von der Band Cigarettes After Sex

Greg Gonzales von der Band Cigarettes After Sex

Foto: picture alliance

Schnee fällt in einen nächtlichen Hinterhof, schwarz-weiß, mit Patina. Es könnte 1946 sein, irgend ein Film noir, in dem beim nächsten Schnitt Humphrey Bogart und Lauren Bacall um die Ecke kommen. Doch dieser Schnitt folgt nie. Das Bild flackert vor sich hin, minutenlang. Davor, kaum erkennbar im Halbdunkel, stehen vier Männer, gewandet in verschiedene Grade von Schwarz, und spielen sehr langsame Musik.

Dann spielen sie ihren zweiten Song, und der ist – kaum zu glauben – noch langsamer. Ein auf allernötigste reduziertes Schlagzeug, das klingt, als wär es lieber ein Drumcomputer. Eine dürre, verhallte E-Gitarre. Ein Bass, der nur alle zwei Takte mal einen stehenden Ton von sich gibt. Und dazu ein bärtiger Typ, der aussieht wie ein übernächtigter Hipster, und singt, als würde er morgens um fünf in einer ranzigen Karaokebar im tiefsten Brooklyn versuchen, Lana del Rey zu imitieren.

Der Typ heißt Greg Gonzales, seine Band – angemessen kitschverdächtig – Cigarettes after Sex. Ursprünglich aus Texas stammend, nach New York umgezogen, haben sie seit 2012 in großen Abständen eine EP, zwei Singles und 2017 endlich eine erstes Album veröffentlicht. Nichts davon auf großen Labels. Trotzdem wurden manche ihrer Stücke im Netz 50 Millionen mal gehört. Das Astra in Friedrichshain ist so ausverkauft wie ausverkauft nur geht.

Dabei ist, was Cigarettes after Sex spielen, das Gegenteil von Partymusik. Man kann an die Cocteau Twins denken, an die Cowboy Junkies, an Roy Orbisons Bubblegum-Balladen oder das Verletzliche von Chet Bakers Gesang. Zuletzt füllten The XX mit einer ähnlich klaustrophobischen Musik ganze Hallen. Und wie sie sind Cigarettes after Sex eher ein Gesamtkunstwerk als eine Band: von strenger Covergestaltung über monochromes Sounddesign bis zu den auch dieses Konzert rahmenden Filmen. Ja, es ist kinematografische Musik, als sei die Band mitten in der aus Versehen in ein Off-Kino gestolpert.

Bei allem Konzeptuellen haben Greg Gonzales' Songs massiven Pop-Appeal. Und unter der dauer-verhangenen Oberfläche kreisen Songtexte, wie man sie in ihrer archetypischen Zuspitzung auf vergebliche Lieben in finsteren Nächten schon lang nicht mehr gehört hat. Von denen versteht man im Astra zwar kaum was, wegen Soundanlage oder Nuschelfaktor. Aber egal. Gekommen sind die Leute für ein Lebensgefühl: diese stylische Melancholie, nicht zu düster, nicht zu flach, nostalgisch, doch nach keiner klaren Epoche.

Im Prinzip sind Cigarettes after Sex ein One Trick Pony: jedes Lied klingt wie das davor. Man kann ihre Musik gut durch eine halb geöffnete Tür aus dem Nebenzimmer anhören. Da stören die ewigen Dauerquatscher im Saal überraschend wenig. Beim Hit "Apocalypse" schießen dann doch noch Handywälder in die Höhe, obwohl man in der ausgereiften Dunkelheit kaum was darauf erkennen kann. Danach sitzen sehr gut angezogenen junge Frauen mit verklärtem Blick in Ecken herum, zwangsentschleunigt vom Wahnsinn der Welt. Langsam ist das neue Sexy. Schon die Musik draußen an der Bar wirkt viel zu laut.

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