Leben des Käpt'n Bilbo

Künstler Hugo Baruch: Maler, Boxer, Bonvivant

Sein Leben war eine irre Achterbahnfahrt: Eine Biografie erinnert an den Berliner Künstler Hugo Baruch.

Ludwig Lugmeier Schriftsteller Pressefoto

Ludwig Lugmeier Schriftsteller Pressefoto

Foto: Nana Diehl

Berlin. Im Februar 1933 endet für den Juden Hugo Baruch ein Kinobesuch im Krankenhaus. Ein Nazi erkennt ihn im Saal, später wird er von ihm am Bülowbogen in Schöneberg gestellt, SA-Leute stürzen auf ihn und verprügeln ihn, bis er das Bewusstsein verliert. In der Charité stellen die Ärzte innere Verletzungen und gebrochene Rippen fest, Baruch muss operiert werden.

Ein paar Monate und eine erfolgreiche Flucht später eröffnet Baruch eine Strandbar im Osten Mallorcas. Er lässt sich mit einem Smith & Wesson Revolver im Gürtel von Reportern fotografieren. Schließlich war er ja einst Al Capones Leibwächter, das hatte er 1931 in seiner Autobiografie selbst geschrieben. Vier Jahre lang sei er "Tag und Nacht in nächster Nähe" Al Capones gewesen, "immer schussbereit", schreibt die "Münchner Illustrierte Presse". Von so einer Berühmtheit will sich jeder bewirten lassen, Busladungen von Neugierigen besuchen das Dorf, und Hugo Baruch ist obenauf.

Aber der Leibwächter von Al Capone war er nie

So geht es sein ganzes Leben, an einem Tag ist er Bettler, am Tag danach reich, glücklich, weltberühmt. Er war – in nicht-chronologischer Reihenfolge – Assistent des "Metropolis"-Regisseurs Fritz Lang, Sparringspartner Max Schmelings, Galerist und Maler in London, Obdachloser in Berlin, Widerstandskämpfer im faschistischen Spanien, überquerte den Ärmelkanal bei Windstärke zwölf in einer erbärmlichen Scholle, war während des Zweiten Weltkriegs in England interniert, unterschlug in New York die Firmenkasse seines Vaters. Nur Al Capones Leibwächter war er nie.

Hugo Cyrill Kulp Baruch, 1907 in Berlin geboren und 1967 auch hier verstorben, der sich ab 1931 Jack Bilbo nannte, erlebt in diesem Jahr eine zarte Renaissance. Im Frühjahr eröffnete eine Ausstellung mit seinen Arbeiten im Max Liebermann Haus. Präsentiert wurde sie vom Maler Daniel Richter. Er möge seinen Lebensentwurf, sagte Daniel Richter damals im "Deutschlandfunk Kultur", als "Antifaschist und Anarchist, als Kneipenbesitzer, als Schriftsteller, als Bonvivant und anti-bürgerlicher Boheme" – mit anderen Worten: Mögen einige seiner Skulpturen und Malereien auch mit Urwüchsigkeit und Energie beeindrucken, so ist Jack Bilbo vor allem als Gesamtkunstwerk ein Phänomen.

Ein weiterer Bilbo-Bewunderer ist Ludwig Lugmeier, dessen Biografie "Die Leben des Käpt'n Bilbo. Faktenroman" nun erscheint. Lugmeiers Zuneigung ist wohl auch dem eigenen Werdegang geschuldet. Der Schriftsteller war einst Bankräuber, dem 1975 während der Gerichtsverhandlung die Flucht durch ein offenes Fenster des Gerichtsgebäudes gelang. Für seine Taten musste er nach einer Flucht durch die halbe Welt dann doch büßen: Von 1977 bis 1989 war er in Haft.

Eine seiner Aufgabe bei dem Bilbo-Buch, der Hinweis auf "Faktenroman" deutet es an, war es nun, nicht auf die Selbstmystifizierung Bilbos hereinzufallen. Das sagt sich so leicht: Denn Jack Bilbo hat mehrere autobiografische Bücher geschrieben und auch viel über sich – "ausschließlich über sich", wie sich seine Tochter Merry erinnert – gesprochen, aber die Erzählungen weichen häufig voneinander ab.

Materiell betrachtet hat Jack Bilbo bei Geburt beste Aussichten auf ein gesichertes Dasein. Er wächst in einer 14-Zimmer-Wohnung am Kurfürstendamm auf. Sein Großvater hatte es mit Zähigkeit zu Reichtum und Berühmtheit gebracht. Er betrieb Europas größte Ausstattungsfirma. Das Firmengelände reichte von der Alten Jakobstraße über sechs Höfe bis zur Lindenstraße.

Nur bei den Eltern hat Jack Bilbo kein Glück. Sie schließen 1905 den Bund fürs Leben, eine Liebesheirat ist es nicht, die Väter hatten die Ehe zwischen Bruno Baruch und der Engländerin Daisy Tuchmann arrangiert. Bruno ist ein Lebemann, hat zahlreiche Affären. Als sie 1915 geschieden werden, wird der Junge ihr zugeschlagen. Das Verhältnis zur Mutter ist nicht einfach, sie verprügelt ihn, "eine Sadistin" sei sie gewesen, schreibt er. Später kommt sie wegen "nervösen Depressionen" in eine Heilanstalt, sie wird morphiumsüchtig. Im Frühjahr 1940 wird ihr Name in der Zentrale für Euthanasie in der Tiergartenstraße 4 vermerkt. "Sie ist fünfzig Jahre alt, grau, abgemagert, als man ihr mit angefeuchtetem rotem Kopierstift Namen und Geburtstag auf den Rücken schreibt, bevor man sie in die Gaskammer schließt", so Lugmeier.

Jack Bilbo nimmt verschiedene Anläufe, Herz und Portemonnaie seines Vaters zu öffnen. Die Beziehung ist wechselhaft und unglücklich, Jack Bilbo wächst mit dem Gefühl auf, unbedeutend für seinen Vater zu sein. Sein Vater schickt ihn als Repräsentant der Firma nach New York, dort angekommen, muss er feststellen, dass seine Arbeit aus Botendiensten besteht. Er soll die Abendeinnahmen von 2700 Dollar in der Bank abliefern, gibt bei der Polizei an, überfallen worden zu sein, später werden die Einnahmen in seinem Zimmer gefunden.

Er kommt zurück nach Berlin, die Sorge um Geld ist sein ständiger Begleiter, er ist Stammgast im Romanischen Café, bis er dort Hausverbot bekommt. Gefühlt gehört er zu den besseren, zu den künstlerischen Kreisen, nur kann er es sich die Zusammenkünfte oft nicht leisten.

Er hofft auf eine Schauspielkarriere, vorerst ist er nur Fritz Langs Adlatus. Der Regisseur verspricht ihm eine Filmrolle. Doch daraus wird nichts. Es war ein Leben "wie auf dem Riesenrad", schreibt Baruch, doch es liest sich mehr wie eines auf der Achterbahn.

Seine missglückte Unterschlagung von 2700 Dollar nimmt er als Ausgangspunkt für eine alternative Biografie: Was wäre, wenn er an diesem Tag wirklich Gangster geworden wäre? Was wäre, wenn ihn Al Capone ins Vertrauen gezogen hätte? "Die Aufzeichnungen des Jack Bilbo" erscheint 1931, ein international erfolgreiches Buch. Aus Hugo Baruch wird Jack Bilbo, aus dem Autor wird nach den ersten Gemälden in London ein "malender Gangster", aus dem Künstler wird 1960 Gastronom, als er "Käpt'n Bilbos Hafenspelunke" am Kurfürstendamm eröffnet.

Im Dezember 1967 stirbt er. Der "eindrucksvollste und ergreifendste Maler dieses Jahrhunderts", so die "New York Times", gerät in Vergessenheit. Ein wenig Nachruhm ist ihm gesichert, dank Ludwig Lugmeiers liebevoll und schnörkellos erzählter Biografie.

Ludwig Lugmeier liest am 7.12., 20.30 Uhr , in der Fahimi-Bar, Skalitzer Str. 133, Kreuzberg

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.