Und wie fühlt man sich so, wenn man gerade „Berlin erobert“ hat? Stefanie Reinsperger muss lachen. Der ORF, also der Österreichische Rundfunk, gewissermaßen ihr Heimatsender, hatte ihr das nach der Premiere von „Der kaukasische Kreidekreis“ attestiert. Sie spielt darin die Magd Grusche. Es war ihr Debüt am Berliner Ensemble – gefeiert wurde ihre Darstellung („eine Schauspielerin von archaischer, fast animalischer Wucht“) von vielen Kritikern. Sie ist noch keine 30, hat schon am Burgtheater gespielt – und das Haus auf eigenen Wunsch wieder verlassen. Wenn der Auftakt nicht täuscht, hat sie gute Chancen, ein Star am neuen Berliner Ensemble zu werden. Am kommenden Freitag ist sie in Frank Castorfs „Les Misérables“ zu sehen. Wir haben die Schauspielerin vor einer Probe getroffen.

Der Fotograf überlegt noch, wo und wie er sie ablichten will. Stefanie Reinsperger geht ins Rangfoyer des Berliner Ensembles, hinter ihr an der Wand steht in Großbuchstaben: „Du bist nur da, wenn du da bist!“ Vielleicht eine Liebeserklärung. Der Versuch, die Botschaft abzuwischen, ist sichtbar gescheitert. Die Kritzelei soll bei der Premierenfeier von „Eine Frau“ entstanden sein, aber offenbar hat das kaum jemand so richtig mitbekommen. Das spricht durchaus für die Feierkultur am Berliner Ensemble, das im Sommer nach 18 Jahren unter Claus Peymann von Oliver Reese übernommen wurde. Und der ein neues Ensemble zusammenstellte.

Aus Wien hat sie einen Soloabend mitgebracht

Hausregisseur Michael Thalheimer („Mit ihm bin ich an der Schauspielschule groß geworden“) und Direktor Reese haben sich dann um die Schauspielerin bemüht. Mit Erfolg. Und ist sie schon angekommen in Berlin? „Ich bin sehr froh und glücklich hier und habe das Gefühl, ich kann in dieser Stadt noch einmal ganz anders aufatmen.“ Eine „wahnsinnig offene, freie Stadt“, so ihr erster Eindruck, denn viel Zeit zum Erkunden hatte sie noch nicht.

So ist das mit Neustarts: Am Anfang muss erst mal ein Repertoire aufgebaut werden. So begannen die Proben für den „Kaukasischen Kreidekreis“ im Sommer, nach der Premiere kamen dann die Aufführungen, parallel dazu fingen die Proben mit Frank Castorf an – und dann hat sie mit „Selbstbezichtigung“ noch ein Solo aus Wien mitgebracht, das jetzt im Kleinen Haus des Berliner Ensembles läuft.

„Es ist mein dritter Neustart hier“, erzählt die 29-Jährige, die nach der Schauspielschule, sie besuchte das Max Reinhardt Seminar in Wien, ans Düsseldorfer Schauspielhaus ging, wo zu dieser Zeit der Schwede Staffan Valdemar Holm seinen Einstand als Intendant gab. Es folgte das Burgtheater, wo es nach dem Rauswurf von Direktor Matthias Hartmann nicht gerade ruhig zuging, und anschließend das Volkstheater in Wien, wo damals gerade Anna Badora ihren Intendantinnenposten antrat. „Mir geht es gar nicht so sehr um die Häuser, ich möchte mit Menschen arbeiten, die mich interessieren, die sich für mich interessieren, die mich herausfordern“, sagt Stefanie Reinsberger.

Die Sache mit dfer „fundierten kaufmännische Ausbildung“

Sie kommt aus Baden bei Wien, einen Teil ihrer Kindheit hat sie in London verbracht. Ihre Eltern, „sehr kulturinteressiert“, arbeiteten dort bei der österreichischen Botschaft. Schon als Vierjährige wurde sie mit in Theater oder Musical genommen. Ihr Wunsch, auf der Bühne zu stehen, stand früh fest. Möglicherweise auch dadurch beeinflusst, dass Fernsehen nicht so angesagt war in der Familie Reinsperger. Mit der kleinen Schwester spielte sie stattdessen und erinnert sich: „Uns war nie fad.“

Später boten ihre Eltern ihr einen Deal an, der mittlerweile ein Running Gag ist: die „fundierte kaufmännische Ausbildung“. Sie dürfe alles machen und werde auch unterstützt, aber nicht ohne einen vorherigen Abschluss. Also besuchte sie die Vienna Business School – wenn „ich in der Management-Klasse eine Präsentation gemacht habe, war das wie Spielen“ – und absolvierte dort ihre „fundierte kaufmännische Ausbildung“ – sie schmeckt die Worte förmlich und wiederholt sie noch zweimal genüsslich. Stefanie Reinsperger lacht gern und wirkt sehr geerdet.

In der „Pause“ wird das Bühnenbild zersägt

Dušan David Pařízek, einer ihrer prägenden Regisseure, hat einmal über die Schauspielerin gesagt: „Ich schätze sie für ihre Emotionalität – und auch für ihre Offenheit und ihren Mut.“ In Pařízeks Inszenierung „Die lächerliche Finsternis“ war sie 2015 beim Berliner Theatertreffen zu sehen, während der „Pause“ zersägten die Akteure das Bühnenbild. Dem Publikum war es freigestellt, im Saal zu bleiben oder zu gehen. In Wien, erzählt Reinsperger, wurden den Schauspielern von Zuschauern auch mal Getränke angeboten.

„Les Misérables“ ist jetzt eine doppelte Premiere. Denn mit Regisseur Frank Castorf, dem langjährigen Volksbühnen-Chef, arbeitet sie zum ersten Mal zusammen. Das „Ja“ auf die entsprechende Frage kommt mit einer Mischung aus Auf- und Durchatmen aus ihrem Mund. „Da war ich schon ein bisschen nervös, ach, ich bins immer noch – jetzt vor der Probe.“ Und ergänzt: „Ich liebe es, mit Texten zu arbeiten, mich da reinzugraben, in diesem Fall in die Autoren, wir spielen ja mehr als nur Victor Hugo.“

Denn Castorf ist dafür bekannt, Vorlagen mit anderem Material anzureichern. Die Fassung, die eine gute Woche vor der Premiere die aktuellste ist, umfasst noch über 200 Seiten, sie wird wahrscheinlich bis zur Premiere noch etwas gekürzt werden. „Castorf atmet und inhaliert diese ganze Stadt und absorbiert die auch“, sagt Stefanie Reinsperger, die fasziniert davon ist, wie es dem Regisseur gelingt, „auf der Bühne Energien zu erzeugen, um Stimmungen und Emotionen wachzurufen.“ Castorf halte das Level immer oben. „Es ist, als ob du ständig unter Strom stehst. Ich mag das.“