Konzertkritik

Mit Metallprothese ruft Marilyn Manson „Berlin!“

Im Berliner Velodrom kann Manson nur halb im Sitzen auftreten - doch das tat er vergleichsweise furios.

Marilyn Manson kann dank seiner Protese auf der Bühne lehnen - umsorgt von zwei Pflegern

Marilyn Manson kann dank seiner Protese auf der Bühne lehnen - umsorgt von zwei Pflegern

Foto: POP-EYE / Ben Kriemann / POP-EYE

Berlin. Man hatte ihn ja schon fast abgeschrieben. Marilyn Manson, in den Neunzigern mit Alben wie „Antichrist Superstar“ und „Mechanical Animals“ der Rock-’n’Roll-Hölle entstiegen, sorgte mit provokantem Auftreten und einem fauchenden Mix aus Metal, Industrial und Glamrock für Begeisterung und Verstörung gleichermaßen. Doch über die Jahre schien er durch seinen Lebenswandel nur noch gut für die Klatschpresse, musikalisch schien er am Boden, so mancher Auftritt geriet zur gepflegten Albernheit.

Vor zwei Jahren aber kehrte er mit dem gelungenen Album „Pale Emperor“ zurück und mit seiner gerade erschienene neue Platte „Heaven Upside Down“ hat sich Marilyn Manson endgültig wieder in die erste Liga des Düsterrock gespielt. Nun hält der Fürst der postmodernen Finsternis Hof. Und das Velodrom ist am Sonnabend mit gut 9000 Fans bis auf den letzten Platz ausverkauft, als der schwarzlederne US-Horror-Rocker Marilyn Manson grell geschminkt und in einer bizarren Rollstuhlkonstruktion die Bühne entert.

Hubschrauberrotoren dröhnen wie in Coppolas „Apocalypse Now“ durch die Dunkelheit. Der Doors-Klassiker „The End“ vom Band wird zur Ouvertüre für Mansons Berlin-Show. Als der schwarze Vorhang um 21.15 Uhr fällt, eröffnen der diabolische Selbstdarsteller und seine vier Musiker mit „Revelation #12“, dem Eröffnungssong des neuen Albums, eine Inszenierung voller Schmerz, Aggressivität und Düsternis. Die relativ schlichte Bühne wirkt fast ein bisschen verloren in der großen Ufo-Halle. Bühnenbild sind zwei gigantische Pistolen, die im Hintergrund die Läufe kreuzen.

Manson schreit und singt und kreischt zu Beginn aus gutem Grund im Sitzen: Ende September hatte sich der 48 Jahre alte Rockmusiker bei einem Konzert in New York das Wadenbein gebrochen. Die Pistolenkulissen stürzte über ihm zusammen. Er hat seine Liveshow entsprechend angepasst, rollt über die Bühne oder krallt sich an das Mikrofonstativ, als wäre es eine Krücke. Zwei Krankenpfleger in Chirurgenkluft und Mundschutz legen ihm eine Beinschiene samt Metallprothese an, auf der er mit seinem rechten, verletzten Bein knien und dennoch aufrecht stehen kann. Die wachsamen Pfleger bleiben das ganze Konzert über an seiner Seite. Und statten ihn für jeden Song mit einem neuen Umhang, mal aus rotem Leder, mal aus schwarzen Federn, aus.

Neue, überraschend gelungene Songs

Der Sound ist lautstark und bestens. Jede Menge überraschend gelungene neue Songs gehören zum Programm wie „Kill4Me“oder „Say10“, jenes Refrainwortspiel mit der Zeile „You say God and I say Say10“. Gleißend weiße Lichtfinger krallen sich ins blutrote Bühnenlicht. Die Inszenierung ist perfekt und auch der neue Mann in der Band macht sich prächtig. Nachdem Vergewaltigungsvorwürfe gegen Gründungsmitglied Twiggy Ramirez bekannt wurden, hat Manson seinen langjährigen Mitstreiter gefeuert. Nun gehört Juan Alderete am Bass zur Band, die von Gitarrist Tyler Bates, Gitarrist und Keyboarder Paul Wiley und Schlagzeuger Gil Sharone komplettiert wird.

Vor der Bühne wogt ein zuckendes Menschenmeer aus Jung und Alt, das sich hörig den kantigen Stakkato-Riffs hingibt. „Berlin!“ ruft Manson immer wieder in die Menge, die sich auch bei neuen Stücken wie „We Know Where You Fucking Live“ als textsicher erweist. Aber natürlich gibt‘s auch die Hits von „The Dope Show“ über das furiose Eurythmics-Cover „Sweet Dreams (Are Made Of This“)“ bis zur Brachial-Hymne „Beautiful People“. Freilich geraten die Pausen zwischen den Stücken immer länger, was den Fluss dieser Show merklich bremst. Berlin feiert lautstark die Rückkehr eines schon verschollen geglaubten Pop-Provokateurs - auch wenn die Show mit gut 65 Minuten Dauer etwas kurz geraten ist. Aber es gibt ja noch die Zugaben.

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