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Fatih Akins "Aus dem Nichts": Ein Gang durch die Hölle

In Fatih Akins radikaler Verarbeitung des NSU-Terrors spielt Diane Kruger die Rolle ihres Lebens.

Grandios: Diane Kruger geht in ihrem ersten deutschen Film an Schmerzgrenzen

Grandios: Diane Kruger geht in ihrem ersten deutschen Film an Schmerzgrenzen

Foto: Warner Brothers

Berlin. Schon von Weitem sieht sie das Blaulicht. Panisch rennt sie durch die Absperrungen, wird von Polizisten zurückgehalten. Sieht den Laden ihres Mannes, wo sie ihn und ihren Sohn abholen wollte. Sieht die Trümmer, die von dem Laden übrig geblieben sind. Und bricht zusammen. Mit der Gewissheit, dass ihre Liebsten bei einem Anschlag ums Leben gekommen sind.

Fatih Akins „Aus dem Nichts“ ist ein Film über den Terror. Über den Verlust, die Ohnmacht und die Unmöglichkeit, damit fertig zu werden. Nein, es ist nicht ein Film, es sind gleich drei. Der erste Teil ist ein Familiendrama, in dem diese Katja Sekerci, eine Deutsche, die einen Deutschtürken geheiratet hat, mit ihrem Verlust umgehen muss. Aber auch mit dem Misstrauen, das ihr überall entgegenschlägt. „War ihr Mann religiös? War er Kurde? War er politisch aktiv?“ Das sind die ersten Fragen, die die Kripobeamten stellen. Katja Sekerci glaubt sofort, dass die Täter Nazis sind. Aber die Ermittler wollen von einem rechtsradikalen Hintergrund nichts wissen, schließlich war ihr Mann wegen Drogenhandels vorbestraft. Der Riss geht aber auch quer durch die Familie. Katjas Eltern glauben selbst an eine Mitschuld des Toten. Dessen Eltern wiederum wollen seine Leiche und die ihres Enkels in die Türkei überführen. Der letzte Halt, den die Witwe hat, bröckelt zusammen, bis hin zur Selbstaufgabe.

Der zweite Teil ist ein klassisches Gerichtsdrama, wo die Emotionen der Betroffenen auf die nüchterne Sachlichkeit des Prozesses trifft. Da muss die Frau das minutiöse Protokoll, wie die Opfer ums Leben kamen, qualvoll miterleben. Ebenso das kaltherzige Schweigen der Täter. Und die berechnenden Versuche des Verteidigers, Zweifel zu säen, sodass kein eindeutiges Urteil möglich ist.

Der dritte Teil ist dann das, was man gemeinhin ein Rachedrama nennt. Weil Katja die freigesprochenen Täter verfolgt, bis nach Griechenland, wo sie untertauchen. Um sie zu stellen – und endlich Frieden zu erlangen. Es ist der kniffligste Teil. Weil der Film bei der Frage der Selbstjustiz einen Teil seines Publikums verlieren könnte, das bis dahin nah und vorbehaltlos bei der Protagonistin ist. „Aus dem Nichts“ belässt es eben nicht beim Protokoll des Verlusts und Justizversagens. Er wirft seine Figur, und auch den Zuschauer, auf sich selbst zurück.

Akin hat an einigen Tagenam Prozess teilgenommen

Natürlich ist Akins Film eine Reaktion auf den NSU-Terror. Die Art, wie die Ermittlungen geführt wurden, die haben ihn wütend gemacht. Der Regisseur hat dann selbst an einigen Tagen am Prozess teilgenommen und sich durch all die Gerichtsakten gewühlt. Ein Teil der Gerichtsszenen entsprechen dem tatsächlichen Prozessverlauf. Als „Aus dem Nichts“ auf dem Festival in Cannes gelaufen ist, wurde er von der internationalen Kritik gefeiert. Aber ausgerechnet deutsche Medien meldeten Kritik an. Weil er sein hochpolitisches Thema nicht tief genug auslote. Ein unsinniger Vorwurf. Über die Aufarbeitung des NSU-Terrors gibt es ja bereits einen preisgekrönten TV-Dreiteiler: „Mitten in Deutschland: NSU“. Akins Blick auf den Fall hat sich dagegen zugleich verengt und geweitet. Verengt, weil er sich ganz auf eine Perspektive konzentriert. Der Film bedient nicht die Sensationsgier an den Tätern. Der Regisseur und Drehbuchautor gibt endlich den Opfern ein Gesicht. Zugleich weitet sich sein Blick. Weil er über den Einzelfall hinaus etwas über die Auswirkungen des globalen Terrorismus erzählt.

Und noch ein merkwürdiger Vorwurf wurde dem Film gemacht. Dass seine Hauptfigur eine deutsche und keine türkischstämmige Frau sei. In Hollywood wird sowas als „White­washing“ gegeißelt. Aber das ist keine Frage einer womöglich höheren Identifizierung beim Publikum. Es ist die größtmögliche Zuspitzung, eine gezielte Provokation: dass eine blonde, blauäugige Deutsche sich mit Nazis anlegt.

Akin bleibt immer ganz nah bei seiner Protagonistin. Und findet bei diesem Film zu der Wut und der wuchtig-emotionalen Filmsprache früherer Werke wie „Gegen die Wand“ zurück. Und dann ist da noch Diane Kruger. Der Hollywoodstar, der, obwohl in Deutschland geboren, noch nie in einem deutschen Film mitgespielt hat. Sie trägt diesen Film mit einer uneitlen, rohen Kraft, sie „spielt“ nicht, sie geht an Schmerzgrenzen und berührt direkt. Das hat man ihr nicht zugetraut. Und vielleicht hat es einen Akin gebraucht, der das in ihr erkannt und hervorgebracht hat. Hier spielt Kruger die Rolle ihres Lebens.

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