Konzert in Berlin

Joy Denalane macht den deutschen Soul erwachsen und sexy

In der ausverkauften Passionskirche begeistert Joy Denalane die Fans mit ihrer unverkennbaren Soul-Stimme.

Erwachsen, ehrlich, sexy: Joy Denalane

Erwachsen, ehrlich, sexy: Joy Denalane

Foto: picture-alliance

Weißes Licht strahlt auf die Bühne, dahinter eine Jesus-Skulptur am Kreuz. Verspielt setzt das Schlagzeug ein, die Passionskirche wird in rotes Licht getaucht. „In letzter Zeit hatt' ich das Gefühl, als hättest du was auf deiner Seele, als wär' da was, das dich in deinem Herzen quält“, setzt eine unverkennbare weiblich-warme Soul-Stimme ein.

Joy Denalane tritt am Sonntagabend in einem bodenlangen schwarzen Samtkleid vor ausverkauftem Publikum auf. „Das letzte Mal war ich vor gut 14 Jahren hier, da war ich schwanger mit meinem zweiten Kind“, sagt die 44-Jährige, lacht und setzt ihr Programm mit einem Titel des aktuellen Albums, „Himmel berühren“, fort.

Wenn Denalane auftritt, werden zwei Dinge sofort klar. Erstens: Kein Album kann die Ausstrahlung dieser samtenen, warmen und sehr weiblichen Erscheinung – so will man sie nennen – einfangen, zweitens: Ihre Band besticht live noch mehr durch raffinierte Harmonien und ausgeklügelte Motive.

Da wäre insbesondere der Pianist Lillo Scrimali, der in den vergangenen Jahren auch als musikalischer Leiter der TV-Show „The Voice of Germany“ arbeitete und für die Fantastischen Vier und Denalanes Lebensgefährten Max Herre spielt. Gemeinsam mit seinem Bruder Matteo am Schlagzeug, Michael Paucker am Bass und Philip Niessen an der Gitarre zaubert die Band an diesem Abend ein rhythmisches Quartett aus Jazz, Soul, Pop und R’n’B.

Deutschsprachiger Soul ist nicht mehr peinlich

Und dann ist da noch Rachel Scharnberg, Denalanes Background-Sängerin. Die beiden bilden an diesem Abend eine Einheit, keine Harmonie ist dissonant, ihre Stimmfarben ergänzen sich perfekt. „Ich kann den Himmel berühren, die Weichen verstellen und jeden Tag neu, verzeiht mir die Welt“, könnte nicht passender erscheinen. Hier, in diesem sakralen Bau fühlt man sich dem Himmel nicht mehr fern.

Denalane beginnt im Alter von 19 Jahren Musik zu machen. In Max Herre findet sie ihren Produzenten, Co-Autor und Lebensgefährten. Auch an diesem Abend sieht man ihn unter den Zuschauern. Er ist auch Vater ihrer zwei Söhne Isaiah und Jamil.

Vier Echonominierungen, der Comet 2002, mehr als 140.000 verkaufte Alben und vier ausverkaufte Tourneen beweisen, dass deutschsprachiger Soul endlich nicht mehr peinlich, sondern erwachsen, ehrlich und sexy ist. Nach dem englischen Album „Born and Raised“ erscheint 2011 „Maureen“, erst in Deutsch, dann auch in Englisch. 2017 besinnt sich Joy Denalane wieder ganz auf den Ort und die Sprache, mit der sie aufgewachsen ist. "Gleisdreieck" ist eine Hommage an Berlin.

Und hier steht sie wieder, in Kreuzberg und reist mit ihrem Publikum durch 14 Jahre ihrer Musikgeschichte. Als die Berlinerin den 15 Jahre alten Song „Misscommunication“ ansingt, kichert sie immer wieder. Irgendwann unterbricht sie: „Sorry, das ist ein Insider“. Joy Denalane ist an diesem Abend unglaublich vielseitig, stark und charmant. Sie ist Mutter, Sängerin, Verliebte, Verletzte. Und dennoch verlässt man den Abend mit einem Wunsch: Bitte, nimm ein aktuelles Live-Album auf.

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