Herr Vogel, Sie sollten sich eigentlich schon auf den neuen Film mit Matthias Glaser vorbereiten, aber für die zweite Staffel der Serie „The Team“ drehen Sie sieben Wochen länger. Momentan haben Sie gar keine Pause?
Ich muss jetzt noch drei Wochen drehen, dann habe ich ein halbes Jahr durch mit „Team“. Das wird, glaube ich, wahnsinnig gut. Aber es ist, ich muss das so sagen, ein Arsch voll Arbeit. Das verlangt viel Konzentration, weil es viel Action ist, ist das auch physisch sehr anstrengend. 70 Prozent davon wird auf Englisch gedreht, da musste ich mich auch erst reinfinden. Ich hab’ auch noch ein Privatleben, das kommt aber momentan ein bisschen zu kurz. Aber danach mach’ ich dann erst mal drei Monate Pause.
Und jetzt kommen Sie mit dem ersten ungeklärten Mordfall der Menschheitsgeschichte, „Der Mann aus dem Eis.“ Sie als Ötzi – Was war, ganz ehrlich, Ihre erste Reaktion, als das Angebot kam?
Ich fand das super. Ich bin ja immer sehr neugierig. Und das Drehbuch hat mich sofort gefesselt. Weil es kaum Dialoge hat. Und die auch in einer Sprache sind, die man nicht versteht, gar nicht verstehen soll. Das ist, wenn man so will, ein ganz archaisches Abenteuer.
Der Regisseur nannte Sie seine Wunschbesetzung. Ist das ein Kompliment? Immerhin spielen Sie einen primitiven Vormenschen.
Jürgen Vogel, der moderne Ötzi! (lacht) Der Ötzi war klein und hatte viele Tätowierungen. Da kommt man wohl auf mich. Nee, im Ernst: Das ist eine irre Herausforderung. Und auch eine sehr physische. Das darf man schon als Kompliment verstehen, wenn man dabei auf mich kommt. Und so kam ich zu einem echten Ausnahmefilm, wie ich ihn noch nie gemacht mache.

Wieviele Stunden haben Sie dafür in der Maske verbracht?
Am Schluss waren das nur noch an-derthalb Stunden am Tag. Den Vollbart habe ich mir wachsen lassen, da musste man nur noch so verfilzte Zotteln dran hängen. Der Bart hat geholfen, sonst hätte ich noch mal anderthalb Stunden länger in der Maske zugebracht. Die Perücke musste man auch nur festkleben. Dann ging es eigentlich nur noch darum, mich schmutzig zu machen.
Wie eignet man sich so eine Figur an, die ja ein Mensch ist wie wir und doch Welten von uns entfernt?
Darauf kann man sich schwer vorbereiten. Klar, ich hab viel Sport gemacht. Du kannst dir auch viele Gedanken machen. Aber am Ende musst du der Geschichte vertrauen. Und da treibt dich die eigene Rolle an. Heike Merker, eine ganz tolle Maskenbildnerin, hat mir geholfen, diesen Look zu entwerfen. Auch die Kleidung hat dazu beigetragen. Klar hatte ich da oben bei dreisieben, also bei 3700 Metern Höhe, noch Wärmewäsche drunter. Aber schon diese Ziegenfelle halten sehr warm. Und dann hatten wir auch eine wahnsinnige Ausstattung, ein Dorf, das extra gebaut wurde. Requisiten und Werkzeuge, die alle funktionierten. Ich hatte das Gefühl, ich bin in einer Art Zeitmaschine unterwegs, die mich in die frühe Steinzeit katapultiert. Ich mag ja gern das physische Schauspiel mit wenigen Worten, ich liebe es, reduziert zu spielen. Vielleicht hat ja auch das dazu beigetragen, dass man mich als Wunschbesetzung sah.
Was wussten Sie vor dem Film vom Ötzi?
Auch nur das, was alle wissen. Dass da in den 90er Jahren so eine Leiche gefunden wurde, eine Feuchtmumie im Eis. Erst als es ans Drehen ging, wurde mir klar, das waren keine Höhlenmenschen, das war eine hochentwickelte Jägerkultur, mit echt krassem Equipment. Die hätten sonst ja auch gar nicht überlebt. All diese Werkzeuge, fein geschliffen. Und in den Ziegenfellen gab es Nähte. Und zusätzliches Stroh für den Wintereinbruch. Das war alles viel entwickelter, als ich das je gedacht hätte.
Sie haben dann auch das Ötzi-Museum in Bozen besucht. Wie war es da, dem echten Ötzi gegenüberzustehen?
Zwei Wesensverwandte (lacht). Es war wirklich beeindruckend, wenn du da jemanden liegen siehst, der so alt ist. Und so intakt erhalten. Mich haben vor allem die Tätowierungen beeindruckt, es ist der älteste gefundene tätowierte Mensch mit 60 Tattoos, Striche und Kreuze, regelrechte Codes, es ist klar, da gibt es einen spirituellen Hintergrund. Fast noch krasser fand ich die ganzen Werkzeuge und Waffen, die bei ihm gefunden wurden. Und dieses Kostüm. Das hat man für den Film alles ziemlich identisch wiederhergestellt. Ich fühlte mich dem alten Zausel also sehr verbunden. Es weiß wohl kaum einer wie ich, wie der wirklich gelebt haben muss.
Sie müssen sich da in der Natur und gegen die Natur behaupten. Bei eisigen Minusgraden. Wie anstrengend war der Dreh?
Das war schon sehr anstrengend. Aber auch sehr gesund. Das ist wie acht Wochen Bergurlaub. Das waren, kein Scherz, mit die gesündesten Dreharbeiten, die ich je hatte. Viel frische Luft, früh aufstehen, viel Bewegung, auch um mich fit zu halten. Und in der Höhe arbeiten, ist sowieso ein Fitness-Aspekt. Wenn man länger oben ist, bist du fit wie ein Turnschuh. Der Körper stellt sich um, der Stoffwechsel verändert sich. Wenn du dann wieder runterkommst, bist du wahnsinnig fit.

Sind Sie denn ein Naturmensch?
In gewisser Weise schon. Ich lebe zwar in Berlin. Aber an Wochenenden gehe ich gern wandern. Und einmal im Jahr zieht es mich in die Berge. Ich habe da eine große Sehnsucht nach Weite, Alleinsein. Das ist auch seelisch schön, ein irrer Kick, da in der Höhe. Und es gibt nichts Schöneres, als nach einer Fünfstundenwanderung in einen Bergsee zu springen. Auch wenn das arschkalt ist.
Könnten Sie jetzt, nach den Dreharbeiten, auch überleben allein in den Bergen?
Klar, mit den Werkzeugen, die ich da hatte, schon. Ich könnte mit Pfeil und Bogen wirklich jagen und schießen, ich hab das trainiert. André, mein Schießlehrer, und ich, wir haben ein Wettschießen gemacht und aus 30, 40 Meter Entfernung auf Äpfel geschossen. Ich hab gewonnen! Es ist ein Wahnsinn, mit welcher Kraft so ein Pfeil durch den Apfel schießt – wenn man ihn trifft. Ich könnte damit einen Bären erlegen. Du musst ihn allerdings gleich ins Herz treffen, sonst hat er dich.
Ist der „Mann aus Eis“ eine Art steinzeitlicher „Revenant“?
Klar, es ist eine Rachegeschichte, sie spielt in einer abweisenden Natur, auch da wird relativ wenig gesprochen, auch das war sehr physisches Kino. Aber das ist, wie wenn du einen Piratenfilm drehen würdest, dann würden alle mit „Fluch der Karibik“ vergleichen. Was den Film einzigartig macht, ist die Tatsache, dass es hier um eine historische Figur geht, der man sehr nahe kommt. Und durch die man sehr viel versteht, wie man damals gelebt hat. „Der Mann aus dem Eis“, versucht, dem „Kriminalfall Ötzi“ eine Geschichte zu geben. Das geht weit über „Revenant“ hinaus.

Ich würde noch eine ganz andere Parallele ziehen. Eine Woche vor Ihrem Film startet Fatih Akins „Aus dem Nichts“. Auch das eine Rachegeschichte - ein Opfer des NSU-Terrors will ihre getötete Familie rächen. Ist Rache etwas Archaisches, das in uns allen steckt? Ist auch Ihr Film eine Allegorie auf etwas, das uns allen, gerade in Zeiten des Terrors, jederzeit passieren könnte?
Absolut. Das ist ein ganz existenzielles Thema. Und ganz nah dran an unseren heutigen Ängsten. Natürlich überlegt man sich, wenn man so etwas dreht, wie man selbst in so einem Fall handeln würde. Und als Familienmensch kann ich so eine Reaktion unheimlich nachvollziehen. Es bleibt auf jeden Fall viel haften aus unserem Film, das wir für unsere heutige Zeit mitnehmen können.
Ihr Ötzi ist ein echter Sippen-mensch und kümmert sich um Stammeszugehörige. Ist das ein Archetyp der Patchworkfamilie? Etwas, was ja auch Sie vorleben?
Ja, das war auch ein Aspekt, den ich gut nachvollziehen konnte: die Familie, die man sich baut, das gewachsene Zusammengehörigkeitsgefühl, gerade in Krisenzeiten. Die Entscheidung, zusammen zu leben, über die bloße Blutsverwandtschaft hinaus. Ich habe fünf Kinder – von drei Frauen, von denen ich mit keiner mehr zusammenlebe. Wir verstehen uns aber alle gut, auch mit meiner neuen Freundin. Der Kleinste, der ist gerade acht, geht auch bei Bergwanderungen mit. Der hat mich in Südtirol besucht. Und hat es am längsten im kalten Wasser ausgehalten. Den hat nur der Zottelbart beim Schmusen gestört.
Ein Markenzeichen von Ihnen sind Ihre Zähne. Sie sind damit zur Zeit sogar ein Werbestar für Mundhygiene. Könnten die Zähne auch ein Grund sein, weshalb Sie für den Ötzi ausgesucht wurden?
Ich fand das lustig, als die auf mich zukamen. Die machen ja diese Bürsten, mit denen man auch in die Zwischenräume kommt. Ich finde, ich bin der Beste dafür. Auch wenn meine Bürsten vielleicht noch etwas größer sind. Meine Zähne waren zu schön, ich musste mit Gebiss spielen. Da musste ich sehr lachen.


