Beim Instagram-Auftritt des Deutschen Theaters (DT) ist seit Kurzem ein Video zu sehen, in dem Intendant Ulrich Khuon über die Positionierung des Theaters in der Gesellschaft spricht. Dabei schaut Khuon zwar sehr ernst in die Kamera, hat aber plötzlich einen Schnurrbart im Gesicht, dann ein Blumenkränzchen auf dem Kopf, einen Schmetterling auf der Nase, bevor er sich in ein Pokémon und einen bulligen Ork verwandelt. Als die Pressesprecherin das Video zum ersten Mal sah, wurde sie ganz blass. Hat der Chef das schon gesehen? Ja, hat er. Ulrich Khuon hat offensichtlich viel Selbstironie.

Das Video stammt von Dietrich Brüggemann. Ein Nebenprodukt. Der 41-Jährige ist eigentlich Filmregisseur, aber derzeit studiert er für die Box am Deutschen Theater seine erste Bühneninszenierung ein. Und wo er schon mal am Hause ist, wurde er gleich gefragt, ob er für die Zeit nicht auch dessen Instagram-Account bespielen will. Dem Haus an der Schumann­straße ist Brüggemann seit Langem verbunden. Hier lädt er immer mal wieder zu Stummfilmabenden ein. Und da hier auch andere Filmregisseure wie Christian Schwochow oder Andres Veiel gern inszenieren, lag es nahe, auch ihn zu gewinnen.

Das schwierige Verhältnis Vater und Sohn

Nun sitzen wir ihm hier gegenüber, in der „Love Lounge“ des Theaters, wo er gleich mal die Decke mit den küssenden Figuren fotografieren muss. Vielleicht ein Bild für den nächsten Insta­gram-Post. Für den Fotografen posiert er dann schelmisch auf dem klassizistischen Sitzmobiliar des Hauses und stemmt beherzt ein Sofa in die Luft. Als ob er sich hier bildlich austoben müsse.

Brüggemann inszeniert allerdings kein fremdes Stück. Das wäre doch erst mal einfacher, könnte man denken. Findet er aber gar nicht. „Wenn ich mich an einem Klassiker versucht hätte, wäre ich viel nervöser. Dann würde man automatisch neben all diesen Castorfs und Kriegenburgs stehen.“ Also hat er ein eigenes Stück geschrieben, das am heutigen Sonnabend uraufgeführt wird. Es heißt schlicht „Vater“, und der liegt während des ganzen Stücks reglos im Bett. Und im Delirium. Neben ihm aber sitzt sein Sohn und hält einen langen Monolog. Über sich, über den Vater, das schwierige Verhältnis miteinander. Und über all das, was in seinem Kopf herumspukt.

Am Sterbebett des Vaters: Alexander Khuon (r.) in „Vater“
Am Sterbebett des Vaters: Alexander Khuon (r.) in „Vater“ © dpa | Paul Zinken

Da denkt man natürlich erst mal an Autobiografisches. Ist „Vater“ eine Abrechnung mit dem eigenen Erzeuger? Nein, wiegelt Brüggemann ab, „wenn ich mich daran abarbeiten würde, wäre das nur für mich interessant. Dafür kann ich nicht 70 Leute in einen Saal setzen.“ Aber irgendwie stimmt es doch. Sein Vater, der vor zwei Jahren gestorben ist, war, da findet der Sohn keine Beschönigungen, „monströs, ein paranoider Psychopath und uns Kindern gegenüber ein ziemliches Arschloch.“

Mit seiner Schwester, der Schauspielerin Anna Brüggemann, mit der er viele Drehbücher gemeinsam schreibt, hat er in ihrem preisgekrönten Film „Kreuzweg“, den Vater in die herrische Mutterfigur gebogen, „wir haben das einfach transgendert“. Der Vater in seinem Stück sei aber mehr, ein Destillat aus vielen. Die Ehre, sich an dem Verblichenen abzuarbeiten, will er ihm offenbar nicht mal posthum gönnen.

Alexander Khuon mit Anna Brüggemann in Dietrich Brüggemanns Film „3 Zimmer/Küche/Bad“
Alexander Khuon mit Anna Brüggemann in Dietrich Brüggemanns Film „3 Zimmer/Küche/Bad“ © Zorro Film | Zorro Film

In seinen Arthouse-Filmen beschreibt Brüggemann mit schonungslosem Blick deutsche Zustände, ob es um religiösen Fundamentalismus („Kreuzweg“) geht oder um Rechtsradikalismus („Heil“), wofür er auch immer ganz andere Tonarten findet, vom beklemmenden Drama bis zur grellen Farce. Zuletzt hat der Regisseur seinen ersten „Tatort“ gedreht, mit den Stuttgartern: „Stau“. Ein Krimi, der zugleich ein Experiment war, weil der ganze Fall in einem Stau steckte und aufgeklärt werden musste, bis dieser sich wieder auflöst. Nun gleich die nächste Herausforderung, als Theaternovize.

Was erscheint ihm relevanter, „Tatort“ oder Theater? Brüggemann redet schnell und viel und steigert sich dabei gern in fantastische Metaphern. In solchen Kategorien denke er nicht, überhaupt sei der Begriff zu schwammig. Geht es um Karriere-, Wirkungs- oder Ruf-Relevanz? Dann aber durchbricht er solche Ausführungen gleich wieder ironisch: Den „Tatort“ hätten 9,3 Millionen Zuschauer gesehen. „Ich habe mit Alex schon mal spaßeshalber die Rechnung aufgemacht: Wenn wir wollen, dass unser Stück auch so viele Zuschauer hat, müssen wir es nur 352 Jahre lang jeden Abend spielen.“

Der Unterschied von Theater und Film ist gar nicht so groß

„Der Alex“, das ist Alexander Khuon. Der hat schon mal vorgesprochen bei Brüggemanns Film „Renn, wenn du kannst“. Die Rolle ging am Ende zwar an Robert Gwisdek. Aber sie haben sich auf Anhieb verstanden, Brüggemann hat Khuon gleich eine Rolle in seinem nächsten Film „3 Zimmer, Küche, Bad“ geschrieben. Und da er ihn in der Box in einem anderen Monolog-Stück sah, wollte er das auch mit ihm machen.

Theatermäßig hat Brüggemann jetzt Blut geleckt. Er will gern wieder inszenieren, das kann dann auch mal ein fremdes Stück sein. Die Arbeitsmöglichkeiten seien viel befreiender: „Beim Film steht man ja permanent unter Druck. Man hat immer weniger Zeit, das wird auch immer schlimmer.“

Die Khuons – noch eine Vater-Sohn-Kiste?

Die einzige Art, dem zu entkommen, sei es, Filme in wenigen, langen Einstellungen ohne Schnitt zu drehen, wie er es mit „Kreuzweg“ und „Neun Szenen“ getan hat. Da gebe es eine Ruhe und Konzentration bei der Arbeit, wie man sie ganz selten habe. So sei sein Theaterdebüt, findet er, auch gar kein so großer Schritt gewesen.

Eine Frage müssen wir noch stellen. Alexander Khuon, das ist doch der Sohn des DT-Intendanten. Wird da noch ein ganzes Vater-Sohn-Verhältnis aufgearbeitet? „Das wäre natürlich eine schöne ,Bild‘-Schlagzeile“, grinst Brüggemann. „Aber so sehr stecke ich nun wieder nicht im Kopf von Alex.“ Er muss jetzt aber sowieso zur Probe. „Vielleicht frag ich ihn gleich mal.“