Super sein ist auch nicht immer super. Die Marvel-Comicverfilmungen haben sich zwar zum erfolgreichsten Film-Franchise entwickelt, das selbst „Star Wars“ und James Bond in den Schatten stellt. Aber ihre Stars werden allmählich marvel-müde. Robert Downey Jr. hadert, ob er nicht langsam zu alt wird für seinen Iron Man. Vor allem mag er sich nicht für jeden Film dem harten Workout unterziehen. Und Chris Hemsworth hat keinen Bock mehr, sich für seinen Thor täglich zwei Stunden in der Maske toupieren zu lassen.
Für letzteres immerhin hat man eine Lösung gefunden: In „Thor: Tag der Entscheidung“ trägt der Götterheld nun keine lange Mähne mehr, sondern eine raspelkurze Igelfrisur. Bei der Gelegenheit hat man noch ganz andere Zöpfe abgeschnitten: Thor verliert nicht nur Haar, sondern auch seinen Hammer Mjölnir, die magische Waffe, die dem nordischen Gott doch erst seine Macht verleiht.

Das mag einige Marvel-Fans schocken. Bezeugt aber den Mut, den diese Filmreihe immer wieder beweist. Indem sie mutig neue Wege beschreitet und nicht nur die alten tottrampelt. Für „Thor 3“ hat man dafür keinen Mainstream-Routinier aus Hollywood engagiert, aber auch keine Arthouse-Ikone wie Kenneth Branagh beim ersten „Thor“.
Nein, die Regie ging an den Neuseeländer Taika Waititi, der bislang für skurriles Independent-Kino wie „5 Zimmer Küche Sarg“ steht. „Thor 3“ ist erst sein vierter Film und gleich ein 180-Millionen-Dollar-Blockbuster. Waititi inszeniert ihn aber genauso frech und schräg, als wär’s ein kleiner Indie-Film. Und das bekommt dem alten Donnergott überraschend gut.

Wie gesagt, viele alte Zöpfe gehen hops. Thors irdische Geliebte Natalie Portman fehlt ganz, überhaupt spielt der neue „Thor“ fast gar nicht auf der Erde, sondern in fernen Galaxien . Halbbruder Loki (Tom Hiddleston) ist auch nicht mehr der große Gegenspieler. Dafür wird plötzlich eine Schwester wie Kai aus der Kiste gezogen: Die Todesgöttin Hela (Cate Blanchett) ist die Erstgeborene des Göttervaters Odin (noch einmal in einem Gastauftritt: Anthony Hopkins), wurde aber verstoßen und ihre Existenz totgeschwiegen.
Sowas kennt man ja aus vielen Familien. Hela kehrt nun grollend zurück und will ganz Asgard unterwerfen. Auf dem Weg zu seiner Heimat wird Thor aus der Bahn geworfen. Und findet sich plötzlich auf dem fremden Planeten Sakaar wieder, wo er als Gladiatorsklave in der Arena kämpfen soll. Sein Gegenspieler ist ausgerechnet der grüne Hulk (Mark Ruffalo), eigentlich ein Mitstreiter bei den Avengers, der aber voller Wut auf Thor losgeht.

Das ist im Groben schon die ganze Handlung. Und 130 Minuten sind dafür eigentlich mal wieder viel zu lange. Dass man trotzdem gern dabei bleibt, liegt vor allem an Waihitis respektloser Inszenierung. Die Marvel-Comics glänzen von jeher – im Gegensatz zu den bierernsten DC-Comicfilmen um Bat- und Superman – durch Selbstironie.
Der Regisseur, der auch einen ziemlich zotteligen Selbstauftritt absolviert, dreht das noch ein paar Windungen weiter. Als sei der neue „Thor“ eine Parodie auf die alten. Wie sonst könnte man es wagen, Teil 3 „Ragnarök“ zu nennen, was in der altnordischen Saga für Götterdämmerung steht? Nur der deutsche Verleih traut sich so viel Chuzpe nicht.

Und dann wird auch noch die Frauenquote erhöht im Marvel-Universum. Bislang war ja Scarlett Johansson die einzige Kämpferin im Supermännerclub, und wohl nicht zufällig die einzige ohne übernatürliche Kräfte. Mit Tessa Thompson als Valkyrie kriegt Thor jetzt aber Verstärkung durch eine nassforsche Amazone. Und Thors große böse Schwester wird von keiner Geringeren als Cate Blanchett verkörpert.
Es gibt ja kaum noch einen Star in Hollywood, der nicht irgendeine Comicfigur spielt. Frau Blanchett hat man dabei irgendwie übergangen. Als Hela aber kostet sie ihren späten Einsatz genüsslich aus: in Lack und Leder und langem schwarzem Haar, das sich, wenn sie ganz böse wird, zu einem Hirschgeweih verästelt, dem von Angelina Jolie aus „Maleficent“ nicht unähnlich.
Am Ende liefert sie sich ein Showdown mit dem Brüderchen, das buchstäblich ins Auge geht und den Look von Thor noch ganz anders verändern wird. Cate Blanchett ist dabei so herrlich, dass sie alles andere hinwegfegt. Das ist der größte Bonus des Films. Freilich auch ein bisschen sein Makel: Wenn das Böse zu gut wird, stiehlt es dem Helden die Schau.


