Film

Willkommen auf dem Selbstinzenierungsmarkt: "Casting"

Nicolaus Wackerbarths Film gewährt einen ungewöhnlichen Blick hinter die Kulissen des Films, erzählt aber auch etwas über uns alle.

Wie, ich muss vorsprechen? Der Star (Andrea Sawatzki, M.) ist brüskiert, die Regisseurin (Judith Engel, r.) unnachgiebig, der Produzent (Stephan Grossmann) bestürzt

Wie, ich muss vorsprechen? Der Star (Andrea Sawatzki, M.) ist brüskiert, die Regisseurin (Judith Engel, r.) unnachgiebig, der Produzent (Stephan Grossmann) bestürzt

Foto: Hoehne Presse

Muss eine Andrea Sawatzki eigentlich noch zu Castings? Ist sie nicht längst in der Star-Klasse, die einem diese Demütigung, dauernd vorsprechen zu müssen, erspart? Darum genau geht es im Film "Casting". Frau Sawatzki kommt, der Produzent ist hin und weg, wegen ihres Aussehens, aber auch wegen ihres Namens. Aber die Regisseurin verlangt dennoch, dass die Schauspielerin mal etwas vorsprechen soll. Wie, vorsprechen? Die Sawatzki guckt ganz ungläubig, als sei das unter ihrer Würde.

Unwillig tut sie es dann doch, aber schon bald bricht die Regisseurin ab. Nein, das sei überhaupt nicht das, was sie sich vorstelle. Das Team hält den Atem an, der Produzent rauft sich die Haare. Und die Diva geht beleidigt. Aber dann kommt sie noch mal zurück. Sagt dann, sie hat sich also doch aufs Casting vorbereitet, einen giftigen Monolog aus dem Drehbuch auf. Aber sie baut sich dabei vor der Regisseurin auf, schleudert ihr die gemeinen Worte direkt ins Gesicht, jeder Satz eine persönliche Schmähung, und rauscht dann ab. Welch ein Auftritt, welch ein Abgang!

Der Regisseur kennt beide Seiten zur Genüge

Natürlich, um die Frage zu beantworten, muss auch eine Andrea Sawatzki zu Castings. Es geht bei Filmen ja nicht (nur) darum, prominente Darsteller zu gewinnen, auch die Chemie zwischen ihnen muss stimmen. Und das kriegt man nur heraus, wenn man es ausprobiert. Wie das aber eigentlich abläuft bei Castings und was dabei so passiert, das sind eigentlich gut gehütete Geheimnisse der Branche.

Nicolas Wackerbarths Film "Casting" wagt den Tabubruch und bietet einen schonungslosen Blick hinter die Kulissen. Filme übers Filmemachen gibt es genug, dass es Chaos, Tränen und Psychokrieg aber schon in der Vorstufe gibt, das hat man so noch nie gesehen.

Kein x-beliebiger Film soll hier gedreht werden. Zum 75. Geburtstag von Rainer Werner Fassbinder (der wäre 2020) soll einer seiner Klassiker, "Die bitteren Tränen der Petra von Kant", fürs Fernsehen neu verfilmt werden. Es kann nicht schaden und erhöht den Unterhaltungswert ungemein, wenn man das Fassbinder-Werk kennt oder auch mal die Bühnenbearbeitung erlebt hat. Aber das ist keine Voraussetzung,

Casting" funktioniert auch so teuflisch gut. Gleich fünf großartige Darstellerinnen treten hier auf, um vorzusprechen: Schaubühnen-Stars wie Ursina Lardi und Corinna Kirchhoff, Filmschauspielerinnen wie Marie-Lou Sellem, die Sawatzki und Viktoria von Trautmannsdorf. Alle bringen sie ein Ego mit, aber natürlich nicht ihres. Schauspielerinnen spielen Schauspielerinnen, das ist eine herrliche Doppelung, die den Spaß erhöht.

Die jüngeren Kandidatinnen sind sichtlich nervös und verunsichert. Und die Regisseurin, von Judith Engel genüsslich verkörpert, nutzt das weidlich aus und provoziert sie. Sie wird dafür von den erfahreneren Schauspielerinnen in die Schranken gewiesen und entpuppt sich als genauso verunsichert. Es sind nur noch sechs Tage bis Drehstart und sie hat noch keine Hauptdarstellerin. Das Team ist sichtlich angespannt, der Produzent mehr als gereizt. Jede Begegnung spiegelt die Kräfteverhältnisse, alle sind abhängig, bei allen liegen die Nerven blank.

Nur der Zuschauer des Films hat sein Vergnügen daran. Und erblickt das Ganze durch den Blick eines Außenstehenden: den arbeitslosen Gerwin (Andreas Lust), der bei all den Damen den "Anspieler" geben muss, weil der Hauptdarsteller keine Zeit hat. Dieser Gerwin hat sichtlich Spaß daran, dass sich sein Aushilfsjob durch die Entscheidungsschwäche der Regisseurin verlängert. Er genießt das Spiel mit den Prominenten und will schließlich auch beim Film mitmachen. Aber alle lassen ihren Frust an im aus. Man könnte "Casting" ohne Weiteres auch "Die bitteren Tränen des Gerwin" nennen.

Nicolas Wackerbarth weiß, wovon er filmt. Er ist nicht nur Regisseur, sondern auch Schauspieler, spielte etwa Nebenrollen in "Mitfahrer" oder "Toni Erdmann". Er kennt also beide Seiten vom Casting, er könnte da, wie er offen bekennt, "einige – auch für mich – peinliche Anekdoten erzählen". Er hat auch schon selbst den Anspieler gegeben. Sein Film ist wohl auch so etwas wie eine persönliche Aufarbeitung.

Aber weit mehr: ein großartiges Experiment. Weil der Film nicht nur bis in Nebenrollen großartig besetzt ist, sondern Wackerbarth, wie schon in seinem Film "Unten Mitte Kinn", improvisieren ließ. Seine Schauspieler bekamen nur grobe Anleitungen und wussten nicht, was die oder der andere tun würde. So spielte das Ensemble nicht nur Rollen, sondern brachte auch ganz Persönliches ein. Ein reizvolles Spiel mit den Ebenen, eine Grauzone, ein Wechselspiel zwischen Inszeniertem und Dokumentarischem.

Bissige Satire über Selbstvermarktung

"Casting" ist damit schon auch, aber nicht nur eine Nabelschau auf die neurotische Filmszene. Der Film wächst sich aus zu einer Comédie humaine. Wo alle darum kämpfen, arbeiten zu dürfen. Wo es um Macht, Abhängigkeiten und Hackordnung geht, um ökonomischen Druck und die Angst, nicht mehr dazuzugehören. Weshalb sich jeder, wirklich jeder in Szene setzen muss. Und automatisch eine Rolle spielt.

"Casting" ist letztlich eine bissige Satire über Selbstvermarktung. Und das ist etwas, das jeder von uns kennt. Wie wir uns darstellen. Welches Bild wir von uns in sozialen Medien geben. Und wie wir unser Selbstbildnis im Spiegel abgleichen. Wackerbarths Film wirft einen da ganz auf sich selbst zurück. Da bleibt einem das Lachen zuweilen im Halse stecken.

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