Traurig, aber wahr: Die meisten vergessenen Werke der Musikgeschichte sind zu Recht vergessen. Daran kann auch der Countertenor Philippe Jaroussky nichts grundsätzlich ändern – auch wenn er seit vielen Jahren unermüdlich nach verborgenen Arien-Schätzen des 18. Jahrhunderts forscht, um sie seinen Fans dann im Konzert und auf CD in schöner Regelmäßigkeit zugänglich zu machen.

Dass der französische Sängerstar damit recht erfolgreich ist, liegt wohl an ihm selbst: Er beherrscht die Kunst der Publikumsverführung in seinen besten Momenten so perfekt, dass man ihm unmittelbar glauben möchte, man höre kostbarste Musik. Und Jaroussky tut dies bevorzugt mit langen, leisen Tönen. Mit Tönen, die so rein und so zart sind, so unschuldig und entwaffnend, dass man ihnen nur noch wie gebannt zuhören kann. Auch an diesem Abend in der Philharmonie gibt es diese Zaubertöne wieder – anlässlich seiner Europa-Tournee mit Rezitativen und Arien aus unbekannteren Händel-Opern.

Frischer und runder als in den letzten Jahren wirkt Jarousskys Stimme nun, und das hat bestimmt nicht nur damit zu tun, dass er – wie er kürzlich im Interview verraten hat – 10 bis 12 Stunden pro Nacht schläft. Nicht unerheblich aber auch: Jarousskys schonende Auswahl zumeist beschaulicher Händel-Arien und die vielen instrumentalen Nummern, die sein Begleitensemble Arta­serse einstreut, damit der Sänger zum Wasserglas greifen und entspannen kann. Und diese Instrumentalwerke stammen ebenfalls von Händel – darunter Ausschnitte aus den Concerti grossi op. 6 und sogar die berühmte feierliche „Ankunft der Königin von Saba“, mit der das 17-köpfige Ensemble Artaserse wohl auch sein eigenes kleines Jubiläum feiert: Vor 15 Jahren hat Jarous­sky den Alte Musik-Klangkörper in Paris gegründet, seither begleiten die Musiker den Countertenor immer wieder auf seinen Repertoire-Expeditionen.

Natürlich dürfen dabei virtuose Koloratur-Arien wie „Rompo i lacci“ aus der Händel-Oper Flavio nicht fehlen, um zum Ende der ersten und zweiten Konzerthälfte gewaltigen Applaus einzufahren. Doch noch bedeutsamer scheint es, dass Jaroussky den Applaus zwischendurch am liebsten ganz vermeiden würde – auch nach „Stille amare“ und „Ombra cara“, den beiden schönsten Arien des Abends.

Felix Stephan