„Sie werden womöglich überrascht sein“, kündigt Raphael Gross, der Präsident des Deutschen Historischen Museums (DHM) an, „dass eine Ausstellung über 1917 so schön sein kann.“ 1917 – das Jahr der russischen Revolutionen, der Februar- und der Oktoberrevolution. Das DHM präsentiert nun als neueste Wechselausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“ im Untergeschoss des Pei-Baus – natürlich passend zum 100-Jährigen dieses Ereignisses.

Die Schau trägt zwar noch nicht die Handschrift des neuen Chefs Gross – dafür hatte sie einen zu langen Vorlauf – aber beim Eintritt gibt man ihm recht: Sie ist wirklich schön, gerade im vorderen Teil. Auch weil wohltuend viel Kunst zu sehen ist. Bilder aus dem „Silbernen Zeitalter“, der Zeit nach 1905, als das zaristische Russland die erste Revolution erlebte. Und spätere Kunstwerke, die eine direkte, zeitgenössische Antwort auf die Russische Revolution sind, auf die Umbrüche, die so viel Hoffnung machten auf mehr Freiheit, Gleichheit, Menschenwürde. Und so bitterlich enttäuscht wurden. Diesen Widerspruch greift am Ende moderne Kunst auf.

„Völkerfreundschaft“ von Stepan M. Karpow entstand 1923/24  epd
„Völkerfreundschaft“ von Stepan M. Karpow entstand 1923/24 epd© epd | Staatliches Museum fuer Zeitgenoessische Geschichte, Moskau

Wo steckt denn eigentlich Lenins berühmter Zugwaggon?

Anfangs folgt der Besucher einem klaren Weg – es geht nur in eine Richtung, zeitlich voran, Umwege ausgeschlossen. Ganz chronologisch durchschreitet man die Räume: erst die Vorgeschichte, die plakativ in Vitrinen einzelne Gesellschaftsgruppen des zaristischen Russlands vorstellt. Bauern, Arbeiter, Bürger, Militär, Kirche, Adel, Intelligenz. Weiter geht es zur Revolution 1905, dann durch einen schmalen Tunnel „Russland im Ersten Weltkrieg“, zur Februar- und dann zur Oktoberrevolution. Wie auf einer Schiene wird man durch diese Räume geführt, hier die Toten vor dem Winterpalais in St. Petersburg 1905, dort die Landsturmfahne einer Infanterieeinheit von 1917, bei der das Wort „Zar“ einfach mit rotem Stoff übernäht wurde.

Aber schon in diesem Raum der Februar- und Oktoberrevolution, einem Herzstück der Ausstellung, kommen erste Zweifel. Wo stecken eigentlich Lenin und der berühmte Zugwaggon, mit dem er – mithilfe der deutschen Politik und Heeresführung – aus dem Schweizer Exil zurück nach Petrograd kehrte? Man muss aufmerksam hinschauen, um in einer Ecke unter einem Lenin-Zitat eine Vitrine zu entdecken, in der ein Telegramm vom 17. April 1917 liegt. „Lenins Eintritt in Russland geglückt. Er arbeitet völlig nach Wunsch“, steht dort von einem Mitarbeiter des deutschen Geheimdienstes. So fangen Thriller an.

Die Geschichte zwischen Russen und Deutschen im frühen 20. Jahrhundert, sie ist so eng verwoben wie eine gute Folge „Stahlnetz“. Revolutionäre und Anti-Revolutionäre, russische Exilanten, die nach Berlin-„Charlottengrad“ drängen, deutsche Utopisten, die fröhlich in eine neue Zeit nach Moskau ziehen (um oft genug enttäuscht zurückzukehren) – ach, es gibt so viele spannende Geschichten. Doch dafür bräuchte man Raum. Und den, stellt sich nun bald raus, hat man nicht.

Kleinteilig, eng und wirr

Denn die Ausstellung heißt ja nicht die Russische Revolution und Deutschland, nein, sie heißt „Russland und Europa“. Sechs Länder und die Auswirkung der Revolution werden nun im letzten Teil mit einzelnen Aspekten in die Schau gepresst: neben Deutschland sind es noch Italien, Großbritannien, Polen, Frankreich und Ungarn. Kaum hat man den Raum bis zur Gründung der Sowjetunion 1922 hinter sich gelassen, da wird die Schau kleinteilig, eng und wirr. Willkommen im dritten Teil der Ausstellung: „Die Folgen der Revolution“. Europaweit, versteht sich.

Was dort ausgestellt ist, greift auch für das Deutsche Reich schlicht zu kurz – der sehr konkrete Einfluss der Russischen Revolution auf die Weimarer Republik, sie ist auf diesem engen Raum nicht begreifbar zu machen. Die Ausstellung wird zur Häppchen-Schau, ein bisschen ungarische Arbeiterräte-Salami gefällig, ein bisschen italienische Radikalismus-Soße? Ach, wie bitter – tritt man heute, 2017, aus dem DHM, schaut man direkt auf das ehemalige Staatsratsgebäude mit eingebautem Schlossportal, von dem aus der Kommunist Karl Liebknecht 1918 die Repu­blik ausrief. Es hätte viel Spannendes erzählt werden können, über Lenins Liebe zu Deutschland, über die deutsche Liebe zu Russland. Eine verpasste Chance.

Wir sind international, argumentiert man im DHM, wir denken europäisch. Alles richtig – aber eine Schau zu Russland und Deutschland, was ist daran nicht international? Und sollte man nicht erst mal versuchen, seine eigene komplexe Geschichte zu erzählen, bevor man die Geschichte anderer Nationen verkürzt und plakativ abbildet?

Manchmal ist der Glaube, international zu sein, auch eine Hybris. Aber schön, schön ist die Schau trotzdem.

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2. Täglich 10-18 Uhr. Bis 15. April Eintritt 8, ermäßigt 4 Euro.