Irgendwie riecht es nach Benzin, obwohl die Zapfsäulen längst abmontiert sind. Und hinten am Nachtschalter kramt niemand mehr seine Brotdose hervor zur nächtlichen Stärkung. Hier wurde einst geparkt, getankt – und gequatscht, wenn Taxifahrer, gleich nebbbenan in der Zentrale, eine Pause einlegten. An diesem Freitag geht es in den Kant-Garagen in Charlottenburg nicht mehr ums Parken, sondern um Kunst. Die Mutter aller deutschen Parkhäuser, 1930 eröffnet, eine der ersten Hochgaragen, verwandelt sich für zehn Tage in eine Pop-up-Galerie. Eine dieser Interimsnutzungen wie sie typisch sind für Berlin, egal, ob in stillgelegten Postbahnhöfen oder geschlossenen Hotels.
49 Künstler aus 23 Ländern, die meisten kommen aus Berlin
Wir folgen also den schmalen Neonleuchten über die vielen grauen Treppenstufen hinauf ins Oberdeck. Hier öffnen sich die Deckenfenster hinein in Berlins Himmel – 1000 Quadratmeter groß ist die Parkhalle, ideal für eine urbane Ausstellung, die anders sein will als eine perfekte White-Cube-Schau. 49 Künstler aus 23 Ländern, darunter USA und Mexiko, stellen hier aus. Der bekannteste unter ihnen dürfte Christian Awe sein. Georg Baselitz war sein Professor, bei Daniel Richter machte er den Meisterschülerabschluss. Beste malerische Voraussetzungen also – sein 2,60 Meter großes Gemälde „Cool Water“ ist eine Explosion in Blau. Ansonsten sind viele junge Künstler dabei, die den Absprung in den Kunstmarkt hinein proben.

Genau an diesem Punkt kommt die Enter Art Foundation ins Spiel, die dabei helfen möchte und deshalb diese frische Gruppenschau mit unkonventionellem Messe-Charakter auf die Beine gestellt hat. Weiße Stellwände als Kontrast, gute Mischung der Werke, perfekte Beleuchtung, teilweise mit riesigen DDR-Fabrikleuchten der 60er-Jahre, gute Sichtachsen. Einfach ein stimmiges Ambiente, knarzige Sofas im Salon-Stil, eine Bar für den schnellen Drink – was will man mehr? Natürlich spielen die Ausstellungsmacher mit dieser Patina des Vergangenen – all die Ölspuren auf Boden und Decke, die wild verlaufenden Rohre an den oberen Wänden und Stromkästen, die aussehen wie surreale Installationen.
An solch eine ölverschmierte Wand in einer Ecke hat der in Berlin lebende Franzose Joachim Seinfeld seine Fotografien gehängt, allesamt auf Flohmärkten gefunden. Er hat die Motive auf Leinwand reproduziert und in einem malerischen Prozess so bearbeitet, als hätten sie hundert Jahre Leben in ihrer verschwommenen Lasur eingeschrieben. Die Farbtupfer der Schau kommen ganz klar von den mexikanischen Künstlern, die ihre poppige, fröhliche Farbpalette ganz in der Tradition von Frida Kahlo und Diego Rivera eingerichtet haben.
Kaum zu glauben, aber die Enter Art Foundation, finanziert durch Sponsoren, arbeitet uneigennützig, ohne Provision, die Einnahmen vom Verkauf der Werke gehen zu 100 Prozent an die Künstler. Eine Arbeit geht dafür, so der Deal, an die Foundation, die damit eine Sammlung aufbauen möchte. Seit der Gründung im vergangenen Jahr – mit der ersten Schau auf der Art Basel – seien bereits 180 Werke zusammengekommen, erzählt Geschäftsführer Till Wald.
Teile der Kollektion sind nun in der „Abfahrt“ der Garage ausgestellt. Wald hat noch mehr vor, die Sammlung, die er als eine Art Schaufenster junger Künstler versteht, soll einmal einen festen Standort in Berlin bekommen. Zudem denkt er daran, die Kollektion an Museen auszuleihen. „Deren Etats schrumpfen, die Häuser haben wenig Spielraum, um junge Kunst anzukaufen.“ Diese Lücke möchte Enter Art Foundation eben schließen. „Und die Künstler hinterlassen mit einem Werk ihre Visitenkarte“, meint Kuratorin Suzanne Royal. Die Reaktionen seien positiv, eine Anfrage eines Museums aus Chicago gibt es bereits.
Vielleicht findet die Enter Art Foundation künftig ihr Domizil in den Kant-Garagen. Die sollen schnellstens umgebaut werden, wenn es nach Eigentümer Dirk Gädeke geht. Galerien auf zwei Etagen, eine Kunsthalle und Restaurants sollen dort einziehen. Galerist und Platzhirsch Michael Schultz von der Mommsenstraße hat schon Interesse bekundet.
Führungen zur Internationalen Bauausstellung 1932
Gädeke denkt größer. Die historischen Auffahrten in Form einer Helix mit den abgerundeten Ecken erinnern ihn an das Guggenheim-Museum. Für Charlottenburg als neuer, alter Galerienstandort würde das noch einmal einen kräftigen Schub nach vorn geben. Zahlreiche Galerienumzüge und Neueröffnungen in der letzten Zeit haben das Viertel attraktiver gemacht. Immerhin stehen die Baugerüste in der Kantstraße, loslegen kann Gädeke trotzdem nicht. Der Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf hat interveniert, die Bauerlaubnis fehlt. Mit dieser Pop-up-Schau und all den Künstlern im Gebäude müsste Gädeke eigentlich gute Karten haben beim Bezirk.
Wir verlassen die Ausstellung durch den dunklen, leeren Bauch der Garage. Vorbei geht es an den Waschplätzen, so steht es auf den Schildern. Hier konnten die West-Berliner ihr Auto putzen, wenn man so will, ein lebendiges Kapitel deutscher Kulturgeschichte. 1932, zwei Jahre nach Eröffnung, daran denkt man, hatte die Garage viele, viele Besucher. Während der Internationalen Bauausstellung gab es Führungen. Eine schöne Vorstellung.
Kantgaragen-Palast, Kantstr. 126/127. Eröffnung: heute, 15 Uhr. Bis 22. Oktober.
12 bis 20 Uhr. Eintritt frei: Katalog, 3 Euro.


