Konzert

The Jesus and Mary Chain: Minimalismus in laut

Die Brüder Reid veröffentlichten im Frühjahr ihr erstes Album seit 18 Jahren und feiern im Astra die Schönheit des Mies-Drauf-Seins.

The Jesus and Mary Chain (Archivbild)

The Jesus and Mary Chain (Archivbild)

Foto: Alejandro Garcia / dpa

Kaum jemand singt schmissiger darüber, wie beschissen das Leben ist – und das seit 30 Jahren. The Jesus and Mary Chain aus Schottland können es noch immer: diese brachial-schleppenden Songperlen, eingeschlagen in Gitarren-Feedbacks. Für sie wurde Mitte der 80er Jahre das Genre Shoegaze erfunden. Weil sie immer den Kopf hängen ließen und auf ihre Schuhe starrten. Dabei zeigen sie heute noch, mit welchem Druck, welcher Energie man seelische Abgründe mit Musik ausloten kann. Und wie cool man sein kann dabei.

Die Originalfans kommen in Schwarz ins Astra Kulturhaus: Lederjacken, dünne Iros. Es gibt aber auch Strohhüte und Irgendwie-Kulturleute in weißen Hemden, dazu Punks, die in der Wartezeit nach der Vorband im Stehen den "Spiegel" lesen. Doch es stehen auch Mädchen im Publikum, die zur Hochzeit der Band vermutlich noch gar nicht geboren waren. Das nimmt dem Ganzen das Ansehen, eine reine Nostalgieveranstaltung zu sein. Das, und das Konzert selbst. Denn schon nach wenigen Takten merkt man: Oha – taugt ja was.

Das tief gestimmte Schlagzeug knattert, der Bass pumpt wie ein Lebewesen und die Gitarre schiebt eine Lärmebene auf die nächste. Irgendwo dazwischen intoniert Jim Reid mit seiner hypnotisch-dünnen Stimme Zeilen wie "I wanna die like JFK / I wanna die on a sunny day". Er kann noch immer nicht singen, das aber sehr gut. Dabei hängt er am Mikroständer, ergraut und dünn, deutet die eine oder andere Rockerpose an, dreht sich dann lieber für eine Weile zu seinem Bruder William um. Der steht ganz hinten in der Ecke und bewegt sich kaum, so konzentriert ist er darauf, auf seiner Gibson mit einem Haufen Effektgeräten infernalischen Lärm zu produzieren.

Jim Reid scheint mit seinem Leben mittlerweile etwas besser auszukommen

Bei all dem ertappt man sich seltsamerweise immer wieder beim Mitsingen. Das kommt vom paradoxen Sound dieser Band, die heute noch klingt, als hätten die Beach Boys zusammen mit The Velvet Underground in irgendeiner Garage in Kansas eine geheime Platte aufgenommen. Heyheyhey-Refains wölben sich über wüst verzerrtem Gitarrenstakkato. Schnörkellos, kurze Songs, unterkühlt und wild zugleich. Minimalismus in laut.

Falls es jemand verpasst hat: Die Brüder Reid veröffentlichten im Frühjahr ihr erstes Album seit 18 Jahren. "Damage and Joy" heißt es, Schaden und Freude, und viel besser könnte man die Ästhetik von The Jesus and Mary Chain kaum umreißen. Die Platte klingt im besten Sinne wie früher. Die Songs, die sie im Astra daraus spielen, reihen sich nahtlos ein in den Reigen ihrer Klassikern wie "Teenage Lust", "Just Like Honey" oder "April Sky" – allen voran "Mood Rider", das mit seinem mehrstimmigen Refrain klingt wie die Eagles auf Speed.

Klar wird an diesem Abend alles Alte weitgehend plattengetreu gespielt. Keine Überraschungen. Doch als Werkschau hat das eine Menge Punch. Und selbst wenn er sich die meiste Zeit über bewegt, als hätte er Rheuma, scheint Jim Reid mit seinem Leben mittlerweile etwas besser auszukommen. Auf "Damage and Joy" singt er: "Hey, get out of the way / All things must pass / But not too fast". Was man sich übersetzen könnte in: Wir wissen ja, dass alles irgendwann zu Ende geht. Aber in der Zwischenzeit spielen wir noch ein paar gute Konzerte.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.