Film

Eine schrecklich fiese Familie: Michael Hanekes "Happy End"

Auch in seinem neuen Film „Happy End“ ist Regisseur Michael Haneke böse wie immer, überrascht aber mit bei ihm ungewohnt heiteren Ton.

Man sitzt zusammen, aber glücklich ist keiner: Die Familie Laurent um die Patriarchin (Isabelle Huppert, 3.v.l.) und ihren Vater (Jean-Louis Trintignant, 2.v.l)

Man sitzt zusammen, aber glücklich ist keiner: Die Familie Laurent um die Patriarchin (Isabelle Huppert, 3.v.l.) und ihren Vater (Jean-Louis Trintignant, 2.v.l)

Foto: dpa

Gleich zu Beginn stirbt ein Hamster. Ein kleines Mädchen filmt mit dem Handy erst die depressive Mutter, dann das Haustier, wie es an der Arznei der Mutter eingeht. Der tote Hamster gibt als Anfangsschocker die Richtung vor, die dieser Film nimmt.

Michael Haneke ist berühmt dafür, mit kühl-distanziertem Blick auf die Abgründe des menschlichen Wesens zu blicken, da, wo sie am abgründigsten sind. Seine Filme sind allesamt, von "Funny Games" bis "Das weiße Band", kinematografische Meisterwerke, keine Frage, aber trotzdem oft nur schwer zu ertragen. Obwohl oder gerade weil sie so lange nachwirken.

Das Lachen bleibt einem ständig im Halse stecken

Nie aber hat der Österreicher seine Arbeitsweise so klar offengelegt wie am Anfang seines neuen Werks "Happy End". Die ersten Bilder sind Handy-Aufnahmen. Und so, wie Haneke mit kühler Distanz durch seine Kamera blickt, so tut es hier eine Zwölfjährige mit ihren Mitteln.

Dass in der nächsten Einstellung auch die Mutter des Mädchens mit einer Vergiftung darniederliegt, lässt nichts Gutes ahnen. Dann erst weitet sich die Leinwand zur vollen Breite. Und zeigt Bilder einer Überwachungskamera, von einer Baustelle, in der eine Mauer einstürzt und ein Dixi-Klo mitreißt, in dem, wie man bald erfahren wird, ein Bauarbeiter sitzt. Auch das wieder so ein Schockmoment.

Haneke reiht erst mal fragmentarisch Episoden aneinander, deren Sinnzusammenhang sich der Zuschauer, der bei seinen Filmen immer besonders gefordert ist, selbst zusammenpuzzeln darf. Erst nach und nach setzt sich das Bild zusammen. Die Zwölfjährige, Eve (eine Entdeckung: Fantine Harduin), muss, nachdem ihre Mutter ins Krankenhaus kommt, aus dem sonnigen Süden in den verhangenen Norden ziehen, zu ihrem Vater (Mathieu Kassovitz) und seiner neuen Frau.

In ein hochherrschaftliches Haus, in dem auch der grantige, weil gebrechliche Großvater (Jean-Louis Trintignant) wohnt, die kontrollwütige Tante (Isabelle Huppert), die dessen Bauunternehmen als Patriarchin fortführt, und deren unfähiger Sohn (Franz Rogowski), der für den Unfall verantwortlich ist, aber den Bauskandal vertuschen will.

Wir sehen mit den großen Augen des Mädchens auf diese Sippschaft namens Laurent, die sich nicht viel zu sagen, aber umso mehr voreinander zu verbergen hat. Alles wird hier unter den Teppich gekehrt. Alle versagen hier im Zwischenmenschlichen. Die menschlichste Regung in der Familie ist wohl die, dass der Großvater einst seine Frau mit einem Kissen erstickt hat, um sie von ihrem Leiden zu erlösen. Nun fordert der Lebensmüde das Gleiche auch für sich ein. Vergebens. Aber der Selbstmordversuch scheint das einzige Kommunikationsmittel in dieser Familie.

Kühl und betont sachlich wie stets seziert Michael Haneke seine Figuren, wie ein Wissenschaftler Insekten. Aber noch nie ist dabei die Wirtschaft und der Kapitalismus so deutlich mit in den Fokus geraten. Eigentlich hat der Regisseur mit "Happy End" einen Chabrol-Film gedreht. Claude Chabrol war der große Entlarver und Entzauberer der Großbourgeoisie, und Haneke führt das nun auf seine Weise fort. Er zeigt diese Unternehmensdynastie, die noch an einer großen Tafel speist, auch wenn ihr Imperium in Zeiten von Globalisierung und Strukturwandel längst bröckelt.

Die Geschichte ist in Calais angesiedelt, wo man am Strand noch die alten, unzerstörbaren Bunker aus dem Krieg sieht, aber auf den Straßen auch die Flüchtlinge aus Afrika, die hier gestrandet sind. Man darf nun spekulieren, ob mit den Laurents der Untergang Europas, ja des ganzen Abendlandes beschworen werden soll. Ob sie einfach an sich selber und ihrer Unfähigkeit zur Empathie zugrunde gehen. Oder ob das eine mit dem anderen unmittelbar zusammenhängt.

Du gehörst erst dazu, wenn du keine Gefühle mehr hast

Manchmal stellt Haneke seine Kamera weit weg von seinen Figuren und beobachtet sie von der anderen Straßenseite aus, um die Distanz nicht nur zwischen, sondern auch zu ihnen hervorzuheben. Einmal immerhin zeigt jemand doch Emotion, ausgerechnet die kleine Eve, die im Auto ihres Vaters anfängt zu weinen. Der Vater guckt erst nur, als er dann doch noch fragt, was sie denn habe, wischt sie sich trotzig die Tränen aus den Augen und wehrt ab.

Das ist kein so vordergründiger Schocker wie der Hamster oder das Dixi-Klo, aber einer, der noch schmerzlicher ist: Weil das Mädchen mit dieser Verhärtung, der Unfähigkeit, Gefühle einzugestehen, erst angekommen ist in dieser Familie, weil sie damit "dazugehört".

Ein typischer Haneke also. Hier werden erneut seine essenziellen Themen verhandelt, Eve und ihr Handy etwa erinnern an "Bennys Video". Isabelle Huppert gibt einmal mehr eine jener frostig-frustrierten Frauen, die sie auch für Haneke schon oft gespielt hat, und Jean-Louis Trintignant führt den gebrochenen Alten aus Hanekes letztem Film "Liebe" fort. Und doch ist alles ein bisschen anders, weil sich in diesen Haneke ein ganz neuer, bei ihm völlig unbekannter Ton einschleicht.

Man traut sich kaum, es Komik zu nennen. Galgenhumor trifft es wohl besser. Das Lachen bleibt einem immer wieder im Halse stecken. Und doch ist es der erste Haneke, bei dem so etwas wie Lachen als Möglichkeitsform überhaupt denkbar ist. Man glaube nun aber nicht, dass der Mann auf seine alten Tage milde wird. Auch das Happy End, das uns im Titel versprochen wird, ist natürlich keines, sondern nimmt ganz im Dürrenmatt'schen Sinne die schlimmstmögliche Wendung.

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