Film

Ein neuer Typ Actionheld: "American Assassin"

„Homeland“-Regisseur Michael Cuesta verarbeitet die Angst vor dem Terror mit temporeicher Action. Und belebt damit das Genre neu.

Foto: Studiocanal / BM


Von Peter Zander


Gerade macht der Student Mitch (Nachwuchsstar Dylan O'Brian) seiner Freundin einen Heiratsantrag, ganz kitschig am Strand, da dringen plötzlich islamistische Terroristen in das Urlaubsidyll ein, schießen wahllos um sich und töten auch die Frischverlobte vor seinen Augen. 18 Monate später sinnt der junge Mann, Mitch, der schwer verletzt überlebt hat, auf nichts als Rache. Er stählt seinen Körper, übt sich im Kampfsport, studiert den Koran und lässt sich einen Bart wachsen. All das, um auf den Mörder seines Mädchens zu treffen.

Er schafft es tatsächlich, in dessen Zelle in Tripolis eingeschleust zu werden. Aber bevor er sich rächen kann, dringt eine Einheit der CIA ein, liquidiert die Ultras und nimmt Mitch fest. Nicht als potenziellen Terroristen, der Geheimdienst weiß ganz genau, welch Rachedurstigen er da ergriffen hat. Es ist genau die Art Mann, die die CIA braucht im Kampf gegen den globalen Terror.

Auch Actionfilme können brandaktuell sein. "American Assassin" ist der Film zur Stunde, er handelt vom Terror, der jeden treffen kann, von der Wut der Betroffenen und der Ohnmacht der Regierungen. Vor allem aber ist er eine Katharsis-Fantasie: dass ein ganz normaler Mensch wie du und ich den Kampf aufnimmt. Vor zwei Jahren erst hat "Sicario" von Denis Villeneuve eine ähnliche Geschichte erzählt: Die amerikanische Polizei gibt den legalen Kampf gegen mexikanische Drogenkartelle auf, gründet stattdessen eine Geheimzelle, die den brutalen Verbrechern Gleiches mit Gleichem heimzahlt.

In "American Assassin" bildet die CIA eine Einheit namens Orion aus, um weltweit Terroristen auszuschalten. Doch bevor Mitch zu seinem ersten Einsatz kommt, muss er durch die harte Schule des Kriegsveteranen Stan Hurley (Michael Keaton), der ihn immer wieder demütigt, körperlich herausfordert. Und mantramäßig einbläut, den Kampf nicht persönlich zu nehmen. Sondern eiskalt auszuführen.

Was Tom Clancys Thriller für die 80er-Jahre waren, das sind Vince Flynns Mitch-Rapp-Romane für das neue Jahrtausend. Obwohl der erste Band schon 1999 erschien, verarbeitet die Thriller-Reihe den Schock nach dem 11. September. Hier geht es nicht mehr um erratische Blöcke im Kalten Krieg, sondern um Terror, der jederzeit von allen Seiten kommen kann. Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser Mitch Rapp auch die Kinoleinwand erblicken sollte.

"American Assassin" war eins der letzten Bücher, die Flynn vor seinem Tod 2013 schrieb, erzählt aber die Vorgeschichte. Und die wird von "Homeland"-Regisseur Michael Cuesta so atemberaubend inszeniert, dass man als Zuschauer ständig glaubt, selber mitten im Schussfeld zu stehen.

Tempogeladene Verfolgungsjagden, Kampfszenen, die nicht wie so oft künstlich choreographiert sind, sondern ganz echt wirken und geradezu weh tun, explizite Folterszenen, bei denen man wegschauen muss: Der Film verlangt dem Zuschauer einiges ab. Aber man bleibt dennoch dabei, weil man sich mit diesem Mitch identifiziert, der eben kein Bond und kein Bourne ist, sondern ein Jedermann (perfekt verkörpert von Dylan O'Brien, den man bislang nur aus "Maze Runner" kennt). Cuesta und seine gleich vier Drehbuchautoren kreieren aber nicht nur eine Erlösungsfantasie, sie zeigen auch deren Schwachstellen, wenn ein ehemaliger, von Hurley ausgebildeter Söldner (Taylor Kitsch) schließlich eigene Geschäfte macht.

Da kommt plötzlich noch ein ganz anderer Terror ins Spiel, wenn Iraner Plutonium stehlen und an einer Atombombe basteln. Das ist vielleicht ein bisschen viel für einen einzigen Actionfilm und sieht dann doch eher nach einem Showdown à la 007 aus. Und doch: "American Assassin" markiert eine neue, hochaktuelle und sehr verstörende Spielart des scheinbar ausgelutschten Agentenfilms. Und könnte sich zur Serie entwickeln. Genug Romanvorlagen gibt es ja.

Thriller USA 2017 112 min., von Michael Cuesta, mit Dylan O'Brien, Michael Keaton, Taylor Kitsch

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