Was für eine grausame Tat! Der Ehemann und Vater Hanns Altweckher, der nahe Augsburg lebt, erwürgt seine schwangere Frau Christina und seine vier kleinen Kinder – Annalein, Thomas, Aphra und Marthin. Danach erhängt der Mann sich. Auf dem Bild sieht man die vier toten Kinder in Bettchen liegen und im Ehebett die ermordete Frau, nackt unter der Bettdecke, die Haare offen. Der Mann baumelt vor dem Haus an einem Baum, einen Strick um den Hals.
Gibt es eine Erklärung für das Massaker? „Böse Gedanken“ und „Teufels Eingebung“, heißt es. „Ohne alles Erbarmen“ habe er seine Familie ausgelöscht, sie „jämmerlich ermordet. Erwürgt und umgebracht“.
Woher stammen Bilder und Text? Womöglich aus einer Boulevard-Zeitung? Dort werden Details blutiger Verbrechen ja besonders ausgeschmückt, es geht um die Sensation – und Familientragödien gehören zum Kerngeschäft. Wir leben ja in einem Jahrhundert der Skandallust, Fotos von tragischen Ereignissen verbreiten sich per Internet genauso schnell wie Klatsch und Tratsch. Und alles wird mit einer Art Wolllust konsumiert. Hauptsache, es unterhält. Entertainment als globale Superideologie.
„Wir sind zu einem Volk geworden, das im Begriff ist, sich zu Tode zu amüsieren“, klagte schon 1985 Neil Postman – und damals war das Internet nur ein sonderbares Pfeifen und Rauschen im Telefonhörer. Die Hochgeschwindigkeit des Glasfaserkabelirrsinns lag noch in weiter Ferne.
Die Sensationslust ist so alt wie die Menschheit selbst
Doch nun macht eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) mal wieder klar, dass die menschliche Sensationslust vermutlich so alt ist wie die Menschheit selbst. „Gier nach neuen Bildern. Flugblatt, Bilderbogen, Comicstrip“, heißt die Schau im Erdgeschoss des modernen Pei-Baus hinter dem Zeughaus. Gut, bis an den Anfang der Menschheit reicht diese Ausstellung nicht, aber zumindest bis in die Frühe Neuzeit; dann nämlich, als mit Buchdruck und Kupferstich eine neue und unkomplizierte Form der Vervielfältigung gefunden worden war. Und plötzlich Bilderbögen zu einem Verkaufsschlager wurden.
Wie der oben beschriebene Bogen, der 1589 über das Verbrechen in der Nähe von Augsburg berichtete, als der Vater seine gesamte Familie umbrachte. Gedruckt wurde er in Augsburg vom „Brieffmaler und Formschneyder Hanns Schultes“. Das Geschäft lohnte sich offenbar – Papier war inzwischen erschwinglich, der Druck machte eine hohe Auflage möglich. Verkauft wurden die Blätter von wandernden Händlern, die über die Dörfer zogen. Oder auf Märkten. Das Bild, es diente als Kaufanreiz, als Eyecatcher, um das Begehren zu wecken. Zwei bis vier Kreuzer, so schätzt man, kostete ein solcher Bogen damals – dafür konnte man auch zwölf Eier oder ein Pfund Butter erwerben. Man kann nur erahnen, wie oft die Käufer ein solches Blatt zur Hand nahmen, in ihren dunklen, nur von Talgkerzen erleuchteten Stuben. Nicht nur Verbrechen, auch politische Neuigkeiten, Katastrophen, Adels-Klatsch, Reiseberichte aus der Ferne, große Ereignisse, Anomalien, politische Satire oder Jahresrückblicke sind einen Bilderbogen wert. Es gibt eigentlich nur eine Bedingung: Das Thema muss sich verkaufen.
Bis ins 20. Jahrhundert halten sich die Bilderbögen, in manchen Ländern, in denen es noch viele Analphabeten gibt – wie beispielsweise in Teilen Mittelamerikas – spielen sie bis heute eine wichtige Rolle. Ihr Schicksal ist es, in Sammlungen von Museen lange eher stiefmütterlich behandelt worden zu sein, als „Gebrauchsgrafik“ werden sie abschätzig bezeichnet und fristen ein verstaubtes Dasein in Mappen. Das DHM hat nun aus seinem Fundus 180 dieser Blätter wieder ans Licht gebracht und stellt sie aus. Feine Stiche hängen neben groben Holzillustrationen, Comiczeichnungen neben Bilderbögen. Aufgeteilt ist die Ausstellung, farblich deutlich unterscheidbar, in drei große Stationen: „Sensationelle Neuigkeiten“, „Propaganda und politische Satire“ und „Bildung und humorvolle Unterhaltung“.
Von der Gier nach Bildern lässt sich allerdings in der Ausstellung eher wenig erahnen, brav hängen die Bilder sauber getrennt voneinander hinter Glas. Ihre Griffigkeit, auch ihre Alltäglichkeit geht so natürlich verloren. Genauso wie ihre Austauschbarkeit. Diese Bilder sind eben keine Einzelstücke, sie sind im wahrsten Sinne Massenware, gedacht zum vielfachen Verkauf. Aus Pfennigware werden jetzt quasi Kunstwerke. Wenn man an der Ausstellung etwas kritisieren kann, ist es, dass sie den eigentlichen Charakter, den die Blätter in ihrer Zeit hatten, nicht sinnlich vermittelt. Klar, auf Texttafeln steht inhaltlich alles geschrieben, man kann es sich anlesen. Aber warum dann eine Ausstellung besuchen? Dann würde auch ein tiefer Blick in den Katalog reichen.
Und doch lohnt sich der Gang ins Museum, denn wer einmal die Räume betritt, der schaut und liest sich schnell fest in den Originalen. Ausgestellt sind eben Blätter, die sich direkt an den Betrachter richten, die versuchen, sofort seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der hingerichtete König Ludwig XVI., sein Kopf liegt in einer Blutlache vor der Guillotine, eine rote Blutwolke steigt daraus empor, darauf schriftlich die Anklage des toten Königs an die Welt: meine unglückliche Frau und meine unschuldigen Kinder eingesperrt im Kerker, während das Land von Dieben und Mördern geplündert wird. Es ist die Zeit der Französischen Revolution, das Blatt von 1793 stammt aus England, illustriert von dem englischen Karikaturisten James Gillray. Und man erfährt, dass in England, diesem urdemokratischen Land, die Sympathien für die französische Revolution so lange groß waren, bis der König auf das Schafott geführt worden war – und damit die Idee einer konstitutionellen Monarchie ein blutiges Ende gefunden hatte.
Jedes Blatt, es erzählt nicht nur ein Ereignis, es spricht ganz verschiedene Zeiten an, ist wie ein Türöffner in vergangene Epochen. Die Ausstellungsteile „Propaganda und Satire“ sowie „Humorvolle Unterhaltung“ schlagen dazu noch eine Brücke ins Hier und Jetzt. So sind bei politischer Satire zwei Titel des französischen Magazins „Charlie Hebdo“ zu sehen, darunter der vom Januar 2016, Deckblatt der ersten Ausgabe nach dem Massenmord, bei dem zehn Redaktionsmitglieder von zwei islamistischen Attentätern in den Redaktionsräumen der Zeitung in Paris erschossen wurden. Oder das Spiegel-Cover aus diesem Jahr, das einen stilisierten Donald Trump zeigt, der in IS-Manier der Freiheitsstatue den Kopf abgeschnitten hat. „Die grafischen Titelkarikaturen aktueller Satirezeitschriften stehen oftmals in der Tradition der älteren Spottblätter“, erklärt eine Texttafel die Mischung.
Und auch beim Humor mixt man fröhlich Wilhelm Busch mit „Fix und Foxi“, die deutsche Comic-Antwort auf Mickey Mouse. Lange braucht es, bis sich in Deutschland die inzwischen so beliebte Sprechblase durchsetzt, auch das hat mit der tief verwurzelten Tradition der Bilderbögen zu tun, die den Text unter einem Bild verankern – so wie man es von den „Max & Moritz“-Bögen kennt.
Heute Gossiplust – und Gestern? Da waren es die Adels-Bilderbögen
Warum man diesen Zugang ins Heute ausgerechnet bei der Sparte „Sensation“ weglässt, bleibt allerdings unverständlich. Wie wunderbar wäre es gewesen, gerade den jüngeren Besuchern, die auf ihrem Handy per Instagram den Kardashians, Selena Gomez oder womöglich auch Bibi folgen, klarzumachen, dass die Promi-Magazine von heute dem Klatsch von gestern nicht so fern liegen. Zar Nikolaus vermählt sich mit der eleganten Alix von Hessen-Darmstadt? Die rotwangige Auguste, Fürstin von Liegnitz, heiratet den 30 Jahre älteren preußischen König Friedrich Wilhelm III. und konvertiert dafür zum Protestantismus. Wer ein bisschen „Bunte“ und „Gala“ liest, der weiß, dass bis heute der Adel die Seiten der Yellow Press füllt. Die ach so dünne Letizia von Spanien, kämpft sie doch mit Magersucht? Wie geht es Kate in ihrer dritten Schwangerschaft? Und warum kleidet sich Victoria von Schweden so viel modischer als ihr Mann? Die Bilderbögen von damals liegen nicht weit weg von der heutigen Gossiplust. Die Geburt von Napoleons Sohn 1811, der „Roi de Rome“? Klar, die war einen Bogen wert.
Trotzdem – allein den Blättern einen größeren Auftritt zu verschaffen, sie überhaupt wieder hervorzuholen, ist lobenswert. Denn so ein Wimmelbild wie der „Politische Jahrmarkt 1945“ (Bild oben) sollte man sehen. „Hermanns Affentheater“ und „Heinrich Himmlers Geisterbahn“, dieser Bilderbogen des Karikaturisten Max Radler aus dem Jahr 1945, unmittelbar nach Kriegsende, ist so leicht und bös zugleich, dass es einen staunen lässt. Die NS-Zeit als riesiger, böser, tödlicher Rummel, der mit seinen Verlockungen viele Deutsche auf die „NS Rutschbahn“ gelockt hat. Niemand, der diesen Jahrmarkt besucht hat, ist unschuldig. Sie alle haben sich dem mörderischen Vergnügen hingegeben.
Abgelöst wurde der Bilderbogen übrigens durch eine neue Bildsensation – die Fotografie. Und auch dazu, zur Frühphase der Pressefotografie, läuft aktuell noch eine Ausstellung im DHM, genau eine Etage höher. Passt ja perfekt.
Zur Ausstellung:
Die Ausstellung „Gier nach neuen Bildern. Flugblatt, Bilderbogen, Comicstrip“ in der Ausstellungshalle des DHM zeigt 180 Grafiken aus Deutschland und der Welt. Sie läuft bis zum 8. April 2018 (Unter den Linden 2). Geöffnet ist sie täglich von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt (für das gesamte Museum) kostet 8 Euro, ermäßigt 4 Euro. Der Katalog zur Ausstellung kostet im Museum 24,95 Euro.
Die Ausstellung „Die Erfindung der Pressefotografie. Aus der Sammlung Ullstein 1894–1945“, die einen Stock höher im Pei-Bau zu sehen ist, läuft nur noch bis zum 31. Oktober 2017.

