Es dauert, so viel darf man wohl verraten, ziemlich lange, bis die beiden endlich aufeinandertreffen, der neue und der alte Blade Runner. Der alte (Harrison Ford) hat sich ein halbes Leben lang vor seinen Verfolgern versteckt. Nun glaubt er, dass der junge Mann, der ihn da aufgespürt hat (Ryan Gosling), das tun wird, was auch er einst getan hat: ihn liquidieren.
Doch der Jüngere ist längst selbst vom Verfolger zum Verfolgten geworden. Er hat nur ein paar Fragen, die ihm auf der Seele brennen. Misstrauisch gehen sie aufeinander los. Doch bevor sie sich halbwegs verständigen können, spüren andere sie auf. Und nun müssen beide ihre Haut retten.

Zurück in die Zukunft: „Blade Runner 2049“ ist wohl der am heißesten erwartete Film des Jahres. 35 Jahre ist es her, dass Ridley Scotts „Der Blade Runner“ dem Science-Fiction-Film neue Impulse verpasst hat. Das Genre war damals, 1982, gerade dabei, zum Kinderkintopp zu degenerieren, was nur ein Jahr später, mit „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“, auch wirklich passierte, als knuddelige Teddybären namens Ewoks mit den Sternenkriegern (unter ihnen auch schon Harrison Ford) das Weltall retteten. Aber davor gab es eben „Blade Runner“, der zeigte, dass man Science-Fiction nicht darauf reduzieren muss, Raumschiffe durch Universen sausen und einander abschießen zu lassen.
„Blade Runner“ setzte vor allem auf atemberaubende Atmosphäre und ungewohntes Setting, zeigte keine technisch ausgefeilten, aber kühl-sterilen Kulissen, sondern eine recht vergammelte Zukunftswelt in bester alter Film-Noir-Ästhetik. Und er behandelte tatsächlich äußerst philosophische, ja anthropologische Fragen um das Da-Sein. Um das der Menschen. Und solchen, die täuschend wie sie aussahen.

Wer heute intelligente Science-Fiction drehen will und nicht nur den üblichen Effektesalat, der beruft sich auf „Blade Runner“ als einen Meilenstein des Genres (und überhaupt des Kinos). Aber völlig ausgeschlossen schien, dass sich jemals einer an eine Fortsetzung wagen würde. Bis Ridley Scott selber antrat, mit demselben Autor, Hampton Fancher. Scott hat sogar Harrison Ford überreden können, wieder mitzumachen, sprang dann aber selbst, weil er lieber sein altes „Alien“-Universum erweitert.
Stattdessen nahm der Kanadier Denis Villeneuve auf dem Regiestuhl Platz, der mit „Arrival“ auch schon Sci-Fi-Erfahrung gesammelt und damit den wohl besten Film des Jahres 2016 gedreht hat. Aber kann er in die Fußstapfen von Ridley Scott treten? Und kann der Neue Ryan Gosling es mit dem alten Blade Runner Harrison Ford aufnehmen? Das sind die Fragen, die den Fans auf den Nägeln brennen.
Visionärer und ideenreicher als der Sci-Fi-Durchschnitt
Schon nach den ersten Minuten darf man sagen: Was Atmosphäre und Stimmung angeht, kann Villeneuve durchaus mithalten. Das hat er aber schon mit „Arrival“ leidlich bewiesen. Wie Scott ist er weniger am Effektekino interessiert als an den großen Fragen der Menschheit. Und Scott hat es ihm auch leicht gemacht, weil er nicht einfach die Welt vom ersten Film (der im Jahr 2019 spielte) weiterentwickelt, sondern einen Kollaps aller Ökosysteme und einen digitalen Total-Blackout ins Drehbuch geschrieben haben, was zu einer ganz neuen, ganz anderen Zukunft geführt hat.
So kann man den allseits befürchteten Vergleich mit dem Original getrost umgehen. Aber noch immer gibt es den einen oder anderen Replikanten, der nach wie vor von einem Blade Runner ausgeschaltet, oder, wie das schon 1982 so schön beschönigend hieß, „in den Ruhestand“ versetzt werden muss.

Das Original ließ 1982 bewusst offen, ob der Replikantenjäger Rick Deckard, ergo Harrison Ford, nicht selbst ein Replikant war. Bis heute streiten die Fans darüber. Der neue Film macht indes von Anfang an klar, dass der Blade Runner anno 2049 sehr wohl ein künstlicher Mensch ist. Der hat daher schon gar keinen Namen mehr, nur eine Seriennummer, KD 6-3.7, die knapp und kafkaesk auf „K“ reduziert wird. Bei einem seiner Aufträge keimt in K (ergo Gosling) allerdings ein Verdacht auf, der sämtliche Replikanten-Spekulationen des ersten Teils noch um ein paar Windungen weiterschraubt.
Regisseur Villeneuve findet dabei immer wieder weise Wege, wie er den Erwartungen der Fans gerecht wird und trotzdem ein ur-eigenes, innovatives Universum kreiert. Er schlägt sich mit diesem „Blade Runner“ mehr als achtbar. Und doch, so stimmungsvoll und spannend sein Film beginnt, lahmt er etwas in der Mitte.

Und was das Highlight sein müsste, besagtes Zusammentreffen von Gosling und Ford, hält nicht, was man sich verspricht. Das ist ein bisschen wie bei Coppolas „Apocalypse Now“, wo Martin Sheen die ganze Zeit auf der Suche nach Marlon Brando ist, und wenn er ihn findet, weiß der Film damit nichts anzustellen.
„Blade Runner 2049“ ist visionärer und ideenreicher als die Durchschnitts-Science-Fiction. Im Vergleich zum Original schneidet er auch weit eigenständiger und origineller ab als Ridley Scotts „Alien“-Fortsetzungen zu seinem Ur- „Alien“. Ein Kultfilm aber, ein Meilenstein, von dem man noch in 35 Jahren schwärmt, das wird er nicht werden. Und: Wer den ersten Teil nicht kennt, wird diesen zweiten nicht verstehen.


