Robert Görl hebt demonstrativ eine CD hoch bevor er sie in irgendeinen Rechner legt. Er schlendert zum Schlagzeug, setzt Kopfhörer auf. Weit vorn am Bühnenrand steht Gabi Delgado-Lopez im schwarzen Hemd, und verlautbart wie ein ergrauter Philosophieprofessor: „Bewegung ist der einzige erträgliche Zustand, Jungs und Mädchen!“ Dann knallen die Synthies los. Sie kommen von der CD, da macht niemand einen Hehl draus. Das Schlagzeug steigt ein und „Verschwende deine Jugend“ rollt über das ausverkaufte Astra hinweg als wär's wieder 1981.

Wenn Musiker 35 Jahre später einfach nochmal machen, was sie berühmt gemacht hat, kanns schwierig werden. Im Fall von DAF: vier Schlüsselalben in zwei Jahren, die sie im Nachhinein als Pioniere elektronischer Tanzmusik erscheinen lassen. Und die ersten Zeilen des Konzerts lauten noch dazu: „Nimm dir was du willst / Verschwende deine Jugend / Solange du noch kannst.“ Doch Delgado und Görl sind zu klug, diese Ironie nicht bewusst zu setzen. Wie alles an diesem Konzert im besten Sinne Kalkül ist.

DAF war immer mehr ein Kunstprojekt als eine Band: Punk machen, aber mit Maschinen, dazu minimalistische Texte raushauen, getragen durch präzis eingesetzte Mode, irgendwo zwischen Uniform und Lederfetisch. DAF klingen noch heute wie Kraftwerk, wenn sie eine Woche lang durch Schwulenclubs geschleppt worden wären. Delgado gibt den dämonischen Rezitator, rennt von einer Bühnenseite zur andern, übergießt sich mit Wasser. Er öffnet sein Hemd bis zum Bauchnabel.

Als sie „Tanz den Mussolini“ anstimmen, brechen Pogowellen durchs Publikum, obwohl das auch nicht mehr das jüngste ist. Und da dieser Klassiker immer wieder Fragen aufgeworfen hat: Nein, DAF sind keine Faschoband. Was Delgado auf der Bühne macht ist eine Ganzkörperperformance, die vor großen Gesten nicht zurückschreckt. Stimmt. Die gehen aber weiter zurück, haben mehr zu tun mit dem wilden Selbstverfremden des Expressionismus – mit dem also, wo Herr Hitler ebenfalls abgekupfert hat.

Es ist eng und heiß, der Boden klebt von Bier. Irgendwie fühlt sich alles an wie aus einem Früher, in dem alles weniger ordentlich und klimatisiert war. Delgado skandiert seine Texte wie ein Staatsschauspieler, der einen durchgeknallten Punk-Hamlet spielt. Er wirkt kein bisschen müde. Und das obwohl DAF eigentlich nur spielen, was alle hören wollen. Zwei neuere Nummern klingen genau wie die alten. Vielleicht wurden DAF einfach früh perfektioniert. Mehr als eine Stunde müssen sie am Ende auch nicht spielen. Und enden mit: „Sei still. Schließe deine Augen. Bitte denk an nichts. Glaube mir. Alles ist gut.“ Delgado knöpft sich das Hemd wieder zu.