Gerade erst hat sich Prinz Harry mit seiner Freundin Meghan Markle öffentlich gezeigt und so die Gerüchteküche über eine baldige Hochzeit zum Brodeln gebracht. Die Regenbogenpresse führt auch Strichlisten, wie oft Prince William seine Visiten allein abhält, weil seine schwangere Kate sich zu Hause übergeben muss. Die britischen Royals erfreuen sich größten Interesses, nicht nur auf der heimischen Insel, auch in Deutschland, obwohl wir doch seit einem guten Jahrhundert keine monarchische Ader mehr haben.

Wie müsste da erst die Nachricht einschlagen, wenn die Queen mit einem Bediensteten Händchen hielte? Noch dazu mit einem farbigen? Und wie wäre das gewesen, wenn das nicht heute, in unserer halbwegs aufgeklärten Gesellschaft, sondern zur viktorianischen Zeit passiert wäre, die als prüdeste überhaupt gilt? Tatsächlich gab es ein solches Irgendwie-Techtelmechtel. Nur wusste man damals solch staatsbedrohliche Skandale noch unter den Teppich zu kehren. Aber ein Jahrhundert später kam es doch ans Tageslicht. Davon handelt Stephen Frears’ vergnüglicher Film „Victoria & Abdul“.

Sitzen in einem Boot: der Diener und die Herrscherin
Sitzen in einem Boot: der Diener und die Herrscherin © dpa | Peter Mountain / Focus Features

Er beginnt 1887. Die Queen (Judi Dench), damals Herrscherin über ein Fünftel der Erde, feiert ihr Goldenes Thronjubiläum. Dabei fühlt sie sich komplett einsam. Alle, die sie kannte, sind lange tot, und sie lebt und lebt. Nein, es ist kein Honigschlecken, dieses Königinnendasein. Ihre Majestät langweilt sich dynastisch bei all den Festtagstafeln zu ihren Ehren, bei denen niemand ihr in die Augen sehen oder das Wort an sie richten darf.

Aber einer tut es doch. Der Inder Abdul Karim (Ali Fazal), der eigens auf die Insel gebracht wurde, um ihr einen Stein zu übergeben, guckt ihr frech in die Augen. Bei einem zweiten Treffen wirft er sich gar vor ihre Füße und küsst dieselben. So viel Bruch mit der Etikette erregt das Aufsehen der Queen, es scheint wie eine Erlösung. Obwohl der junge Mann mit dem sonnigen Gemüt zurück nach Indien soll, verfügt sie, dass er im Palast bleibt.

Ein entrücktes Märchen als Spiegel der heutigen Zeit

Nein, dies sind keine späten Liebesbande. Das macht der Film gleich deutlich. Aber ein dritter oder gar vierter Frühling ist es schon. Der Moslem wird nicht nur ihr Leibdiener bis zu ihrem Lebensende 1901. Nicht nur ihr Lehrer, ihr „Munshi“, der ihr beibringt, Urdu zu sprechen und den Koran zu lesen. Ihm schüttet sie ihr blaublütiges Herz aus. Was die Königin bei keinem sonst in ihrem katzbuckelnden Hofstaat tun kann.

Trotz zahlreichem Nachwuchs – von dem man im Film nur den Ältesten Bertie erlebt, der auf ihr Ableben lauert und ihr als Edward VII. nur für wenige Jahre auf dem Thron folgen sollte – ist Abdul der Sohn, den sie nie hatte. Er singt für sie, er bringt sie zum Tanzen, er versüßt ihr die letzten Lebensjahre. Was die übrigen Hofschranzen nicht nur argwöhnisch beobachten, sondern bald mit allerlei Intrigen bekämpfen.

Déjà-Vu: Judi Dench als Queen Victoria in „Ihre Majestät, Mrs. Brown“ mit Billy Connolly als John Brown
Déjà-Vu: Judi Dench als Queen Victoria in „Ihre Majestät, Mrs. Brown“ mit Billy Connolly als John Brown © picture-alliance / Mary Evans Pi | picture alliance

„Victoria & Abdul“ ist ein doppeltes Déjà-vu. Die großartige Judi Dench hat die verknöcherte Queen schon einmal verkörpert, vor 20 Jahren in „Ihre Majestät, Mrs. Brown“, wo Victoria sich – auch das historisch verbürgt – in ihren Leibdiener John Brown verliebte. Der Film nimmt darauf auch Bezug, wenn Abdul als „brauner Mr. Brown“ bezeichnet wird. Und Regisseur Frears hat zu Beginn seiner Laufbahn schon mal eine solch unmögliche Beziehung beschrieben: 1995 in „Mein wunderbarer Waschsalon“, in dem sich mitten im schwulenfeindlichen Thatcher-England ein White-Trash-Punk in einen Inder der Oberschicht verliebte. „Victoria & Abdul“ ist eine bewusste, verkehrte Spiegelung davon. Die Herrin und der Diener – auch das eine Verbindung, die die Gesellschaft in Aufruhr bringt.

„Victoria & Abdul: The True Story of the Queen’s Closest Confidant“ hieß das Buch von Shrabani Basu, das diese Geschichte öffentlich machte. Dass sie bekannt wurde, ist nur einem Zufall zu verdanken. Weil 101 Jahre nach dem Tod Abduls (und 109 nach dem der Königin) seine Tagebücher gefunden wurden. Den Wahrheitsgehalt lässt Frears dabei bewusst offen, wenn es im Vorspann heißt, sein Film basiere auf wahren Begebenheiten, „zumindest größtenteils“. Das hat ihm schon den Vorwurf eingebracht, dass er die Kolonial-zeit verherrliche und „historisch ver-klärten Quatsch“ zeige.

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Aber Frears geht es nicht um die Aufarbeitung jener lange vergangenen Epoche. Er erzählt zwar ein sentimentales, entrücktes Märchen. Im klaren Bezug auf den „Wunderbaren Waschsalon“ hält er uns aber ganz aktuell einen Spiegel vor und wirft den Zuschauer auf sich selbst zurück: wie wir in der Flüchtlingskrise mit Fremden umgehen, vor denen der Westen die Augen nicht verschließen kann, weil sie eben aus jenen Ländern stammen, die früher als Kolonien ausgebeutet wurden. Die Ursünde und Ursache für so viele Nöte der heutigen Zeit. Eine Kritik nicht nur an der Insel, sondern auch an allen europäischen Staaten, die keine Flüchtigen aufnehmen wollen.

Bei allem Schmelz des Films bleibt einem immer wieder das Lachen im Hals stecken. Dass der Inder bis zum Ende seines Lebens nur dienen will, ist da keine historische Denunziation, sondern vielmehr eine bewusste Provokation: ein Ausländer, der wie keiner sonst zu seinem Gastgeberstaat steht.