Kultur

Nicht so oft krähen im Theater

Eine runde Sache: „Die Bremer Stadtmusikanten“ für Kinder in der Komischen Oper

Ob sie jemals in Bremen ankommen werden, ist ungewiss. Am Ende jedenfalls verlassen Esel, Hund, Katze und Hahn die Bühne winkend und jubelnd, unter rhythmischem Applaus der jungen Zuschauer: „Die Bremer Stadtmusikanten“, die diesjährige für die Komische Oper erfundene Kinderoper des türkischen Komponisten Attila Kadri Şendil, ist ein Erfolg geworden – aus der Perspektive des Publikums wie aus künstlerischer Sicht. Kein Zweifel: Die musikalische Dramatisierung der Geschichte von vier aufmüpfigen Tieren, die sich von ihren Besitzern lossagen, ist hier eine runde Sache, mit viel spontanem Witz, Präsenz der Sänger sowie Einbeziehung des Publikums. Gleich zu Beginn weist die Besitzerin des Hahns (Julia Domke), die als Besucherin inkognito im Zuschauerraum sitzt, ihr „Tier“ zurecht: In der Oper darf man nicht dauernd krähen!

Der Erfolg einer mit solchen Gags gespickten Inszenierung speist sich aus Erfahrungen mit elf Jahren Kinderoper auf einer großen Bühne – Erfahrungen, auf die sich das Haus jedoch auch etwas vorsichtig zurückzieht. Gemeinsam mit dem Textdichter Ulrich Lenz, dem jungen Regisseur Tobias Ribitzki und dem rhythmisch sehr präsenten Orchester unter Ivo Hentschel fährt der Komponist Şendil in der Theatralisierung des alten Grimm-Märchens keine Überwältigungs- und Verzauberungsstrategie, die etwa „Peter Pan“ vor einem Jahr nicht gut bekam. Da das empfohlene Besucher-Alter nun mit sechs Jahren sehr jung angesetzt ist, sind die Macher weniger zur sinnlichen Verzauberung denn zur Deutlichkeit gezwungen: Von Anfang an, als dem omnipräsenten Esel (Carsten Sabrowski) von seinem Besitzer (Christian Tschelebiew) untersagt wird, den Bühnenvorhang zu öffnen, singen und sprechen die Darsteller mit Mikro, damit kein Wort verloren geht. Und: Das Pendeln der Sprache zwischen Deutsch und Türkisch beschränkt sich auf wenige türkische Ausrufe. Mehr war wohl ungeachtet der großen Ankündigung einer Multikulti-Oper nicht möglich, wenn die durchgehend nicht türkischen Sängerdarsteller alle Facetten ihrer Charaktere wirklich herüberbringen wollten.

Dass Regisseur Ribitzki gemeinsam mit Bühnenbildner Alfred Peter sich szenisch auf die wesentlichen Fingerzeige beschränkt, ist ein echter Pluspunkt. So spielt der erste Teil über weite Strecken vor geschlossenem Vorhang – wenn auch der treudoofe Hund (Adrian Strooper) diesem Vorhang bereits ein Stück entrissen hat. Seine Besitzerin klagt über die Tolpatschigkeit des Hundes mit einem pseudo-barocken Lamento: Komponist Şendil hat Spaß am musikalischen Spiel mit historischer Opernmusik – von großer italienischer Romantik beim traurigen Abschied der Katze (Katarzina Włodar­czyk) von ihrem Herrn (Denis Milo) bis hin zu Wagner-Reminiszenzen bei der Musik für Spannung und Angst, die vor allem den Hahn (großartig aktionistisch: Andromahi Raptis) immer wieder befällt. Angst sollte man allerdings nicht haben, und stark ist man nur im Team.

Beide Botschaften sind hier tatsächlich geeignet, von den Kindern aus dem abgeschlossenen Kunstkosmos des Opernhauses auf ihre reale Lebenswelt übertragen zu werden.

Komische Oper, Behrenstr. 55–57. Termine: 29.9. 11 Uhr, 3.10. 18 Uhr, 13.10. 11 Uhr.