Kultur

„Ich habe mir sehr, sehr viel Druck gemacht“

Star-Geiger David Garrett über sein neues Album, die Sehnsucht nach mehr Freizeit und was er aus seinem Sex-Skandal gelernt hat

2016 war nicht das Jahr von David Garrett. Deutschlands populärster Geiger musste sich mit unschönen, gänzlich unmusikalischen Schlagzeilen herumschlagen. Seine Ex-Freundin Ashley Youdan verklagte den 37-Jährigen wegen Körperverletzung und abnormer sexueller Praktiken, Garrett reagierte mit einer Gegenklage, der Fall wurde inzwischen eingestellt. Zeit für den Star­Geiger, sich endlich wieder auf die Musik zu konzentrieren. „Rock Revolution“ heißt das neue Album, das vor Kurzem erschienen ist. David Garrett spielt darauf Stücke wie „Born In The USA“ von Bruce Springsteen und „Purple Rain“ von Prince. Wir haben den Musiker in Berlin getroffen.

Herr Garrett, ist Ihr Sixpack auf dem Cover von „Rock Revolution“ echt? Oder haben Sie mit Photo­shop nachgeholfen?

David Garrett: Alles echt! Im Sommer habe ich die Zeit genutzt, um ein bisschen mehr Sport als sonst zu machen, und das habe ich getan. Ich hatte sechs Wochen kein Konzert, die Reiserei fiel weg, entsprechend war ich fast jeden Tag im Fitnessstudio.

Sind Sie diszipliniert genug, vielleicht mal einen Marathon zu laufen?

Nein, nein. Dafür fehlt mir die Vorbereitungszeit. Sport ist allerdings wichtig für meinen Job. Ich absolviere jedes Jahr um die 200 Flüge, wenn man da gesund durch den beruflichen Alltag gehen möchte, dann sollte man gucken, dass man körperlich nicht nachlässt. Je älter du wirst, desto wichtiger wird dein körperlicher Zustand. Und wenn du dich körperlich nicht mehr wohlfühlst, dann leidet auch die Psyche.

Sie spielen auf Ihrem Album auch „Born In The USA“. Bruce Springsteen ist mit 68 fit wie ein Turnschuh. Ist er ein Vorbild?

Ja. Springsteen ist großartig, in jeder Hinsicht. Er kennt sich selbst, seinen Körper und auch seine Leistungsgrenzen sehr gut, sonst kannst du das in dem Alter so nicht machen.

37 ist noch jung, andererseits sind Sie schon Ihr ganzes Leben Profi-Geiger. Wie frisch fühlen Sie sich?

Ich fühle mich noch sehr fit, mir macht das alles sehr viel Spaß. Ich habe zum Glück auch überhaupt keine Zeit, um über das Älterwerden nachzudenken. Sicher wird irgendwann eine Phase kommen, in der man kürzertritt, was die Arbeit angeht, wo man vielleicht auch die Prioritäten etwas verschiebt. Das ist bei mir im Moment noch nicht der Fall. Wenn es aber so weit ist, dann freue ich mich auch auf diese Zeit.

In welche Richtung möchten Sie die Prioritäten verschieben?

Dass man vielleicht irgendwann mal eine Familie gründet und ein bisschen sesshafter wird. Dass man auch das Pensum an Konzerten etwas runterfährt und sich vielleicht auch einmal die Städte anguckt, in denen man schon so oft gewesen ist, aber die man eigentlich nie gesehen hat. Dass man sagt: weniger Arbeit und mehr Genuss.

Wann werden Sie damit anfangen, das Leben mehr zu genießen?

Ich merke das jetzt schon in Ansätzen. Aber sicherlich in zehn oder 20 Jahren.

Das kann ich mir gerade nicht vorstellen.

So eine gewisse, kleine Sehnsucht nach mehr Freizeit und Freiheit ist schon da. Die Lust darauf wird immer größer. Im Moment noch nicht, aber ich bereite mich schon auf mehr Muße vor.

Ist „Rock Revolution“ die unmittelbare Fortsetzung von „Rock Symphonies“, Ihrem erfolgreichsten Album von 2010?

Kann man sagen, ja. Für mich war es ein Luxus, im vergangenen Jahr mal kein Album rauszubringen, davor habe ich ja neun Jahre lang jedes Jahr eine CD veröffentlicht. Ich habe mir selber sehr, sehr viel Druck gemacht, immer wieder etwas Neues auf die Beine zu stellen. Aber irgendwann braucht der Kopf auch ein bisschen mehr Raum und Ruhe. Und so haben wir uns für „Rock Revolution“ bewusst mehr Zeit genommen. Wir haben viel experimentiert, und da ich 2016 besonders viel im Ausland gespielt habe, konnte ich mit der Band unterwegs viel ausprobieren. Das hat Spaß gemacht.

Wie sehr wirkt mit einem Jahr Abstand das Drama nach, mit dem Sie sich 2016 beschäftigen mussten? Hat Sie die Musik, die Geige aus diesem Loch geholt?

Die Musik ist etwas ganz Selbstverständliches für mich, wie Atmen. Aus der Musik ziehe ich Energie, und egal, ob man im Leben eine schöne oder auch mal eine schwierige Situation hat – Musik ist immer für mich da. Sie ist sehr wichtig für mich, und natürlich hat sie geholfen. Egal, was sonst auch passiert – die Musik kann mir keiner wegnehmen.

Sie sagen immer „Leben ist lernen“. Was haben Sie aus den Geschehnissen gelernt?

Tja, was habe ich daraus gelernt? Mit Sicherheit ein Stück weit das Privatleben noch mehr zu schützen. Ich habe sicherlich einiges, auch in den Medien, sehr offen gelebt. Und da hätte wohl eher der Punkt kommen müssen, an dem man sagt: Das ist privat.

Sie haben 2016 zwei sehr ausführliche und teils pikante Interviews dazu gegeben. Würden Sie das noch mal so machen?

Ich habe alles so gemacht, wie ich das auch im Nachhinein für richtig halte. Alles, was ich wirklich zu dem Thema sagen kann, ist: Der Fall ist abgeschlossen. Das Gerichtsverfahren gibt es nicht mehr. Und mehr will ich jetzt auch gar nicht mehr sagen. Das können Sie ja bestimmt nachvollziehen.

Also ist der gute Ruf noch – oder wieder – intakt?

Ich finde, ich habe immer einen guten Ruf gehabt. Und ich hoffe, dass das auch immer so bleiben wird.