Zum Einstieg rollt Oliver Reese der Stadt den gelben Teppich aus. Am Donnerstag startete seine Intendanz als neuer Chef des Berliner Ensembles und gelb-schwarz ist die neue Farbkombination des Hauses, die optische Corporate Identity. Die ganze lange Auffahrt von der Straße bis zum Eingang des Berliner Ensembles zieht sich der gelbe Streifen auf dem Asphalt, das Publikum fremdelt zunächst noch, bleibt an den Rändern stehen. Ein paar Performer erobern sich das Stück Stoff, es geht um den Zusammenhang von Kunst und Politik. Auf dem Vorplatz rund ums Brecht-Denkmal stehen einladend Stühle und Bänke. Ein Theater breitet die Arme aus, heißt sehr sympathisch willkommen, gelöste Stimmung überall, eine Atmosphäre voller Vorfreude.
So wie die Welt gemacht ist, ist sie nicht zu ertragen
Dazu gab es allen Grund: Die Eröffnungsinszenierung des dreitätigen Premierenreigens zum Beginn seiner Intendanz hat Oliver Reese in die Hände von Antú Romero Nunes gelegt. Er hat sich „Caligula“ von Albert Camus vorgenommen. Der erst 33-jährige Nunes war gefeierter Hausregisseur am Maxim Gorki Theater, bespielte danach die großen Bühnen des Landes. Dazu die Besetzung: Einige große Namen hat Reese in sein Ensemble geholt. Unter anderem auch Constanze Becker, eine Charakterdarstellerin von Format. Sie spielt den titelgebenden Caligula, jenen radikalen römischen Kaiser im Machtrausch, der aus purer Lust, das Unmögliche zu wollen, eine grausame Tyrannei errichtet und dabei über Leichen geht. Nunes und Becker und dann dieses Stück, das große Fragen zur Freiheit stellt, zu Macht und Politik, das hätte klappen können und tatsächlich produziert Nunes ein paar beeindruckende, wirkmächtige Bilder, doch richtig zünden kann der Abend trotz des philosophisch-politischen Sprengstoffs, der er hätte haben können, leider nicht. An die Gegenwart, immerhin eines der überall plakatierten Buzzwords des neuen BE, dockt er nicht wirklich an.
Das liegt an der Grundidee, man müsse diese Menschen, um ihr Ansinnen allgemeingültig werden zu lassen, der Realität entrücken. Gleich zu Beginn purzelt die Caligula-Entourage als clowneske Truppe bedauernswerter Tropfe über die Bühne, sie suchen ihren Herrscher und finden: „Nichts“. Nihilismus in grotesker Verkleidung. Sie tragen zu große Hosen, verrutschte Kleider, ein Harlekinkostüm und fratzenhaft verschmierte Schminke im Gesicht. Für das Outfit ist Kostümbildnerin Victoria Behr verantwortlich, die auch regelmäßig Herbert Fritschs Bühnenpersonal in knallbunte Klamotten steckt. Diese Figuren hier sehen nun allerdings so zerdrückt aus, als hätten sie vielleicht mal in einem Fritsch-Stück gespielt, dann aber sehr lange in diesen Klamotten geschlafen, um nun in einem Albtraum wieder aufzuwachen.
Der Orgelsound dröhnt, das Theaterblut spritzt
Dabei ist Caligula selbst zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht in Erscheinung getreten, wir hören nur Constanze Beckers Stimme hinter dem Vorhang. „Diese Welt ist so, wie sie gemacht ist, nicht zu ertragen“, das ist Caligulas Erkenntnis und wenn nichts mehr zählt, ist alles möglich, vor allem jede Grausamkeit. Dann tritt Becker auf, im weißen Hemdchen, blass, mit kränklich geröteten Augen und Theaterglatze. Ein zerbrechlicher Herrscher mit hartem Ton. Sie wirft sich den roten Regentenmantel über, tritt in den Scheinwerferkegel, ringsum Dunkelheit. Und dann: Donner, Lichtblitze, Nebel. Theaterbombast, davon wird es an diesem Abend noch mehr geben.
Albert Camus überarbeitete „Caligula“, es war sein Erstling, mehrmals unter dem Eindruck der europäischen Schrecken während des Zweiten Weltkriegs. Es ist eher ein Denk- und Sprachstück als Actiontheater, aber Nunes will Action. Er schickt Beckers Caligula mit aufjaulender Kettensäge auf die Bühne, ein riesiges Kreuz samt daran festgezurrter Sängerin schwebt vom Bühnenhimmel ein, es gibt viel Theaterblut, Orgelsound dröhnt, später dann noch große glänzende Orgelpfeifen auf der Bühne, die gitterartig angeordnet sind. Bisschen viel das alles, die Figuren gewinnen darin kaum Format, bleiben maskenhaft und wirken häufig nur behauptend, deklamierend.
Dabei sind gerade die ruhigeren Momente, von denen es nicht viele gibt, die schöneren. Wenn Beckers Caligula zum Beispiel ganz alleine auf der Bühne steht und den Friedrich-Hollaender-Song „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ singt, mit bitterem Unterton, aber für einen Moment weltvergessen. Dann findet auch Constanze Becker in ihre Figur, umhüllt sie mit einer Verlorenheit, die sich in kindlich-absurdem Trotz entlädt wie etwa in der Forderung: „Ich will den Mond“. Den bekommt Caligula am Ende sogar und fühlt sich für einen Moment göttergleich. Doch die kurze Freude macht Caligula unaufmerksam und das Seil entgleitet, der Herrscher ist wieder ohne Mond. Und kreuzunglücklich. So bleibt das Leben für Caligula wie der Abend für die Zuschauer: unter seinen Möglichkeiten.
Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Karten: 284 08 155. Termine: 29.9., 1./2.10.


