Fernsehen

Wie man das alte Berlin wiederauferstehen lässt

„Babylon Berlin“ spielt 1929. Die Serie wurde in Neuen Berliner Straße in Babelsberg gedreht, aber auch an vielen Ecken der Stadt.

Und Action: Volker Bruch (l.) und Peter Kurth bei den Dreharbeiten in der Neuen Berliner Straße

Und Action: Volker Bruch (l.) und Peter Kurth bei den Dreharbeiten in der Neuen Berliner Straße

Foto: Frédéric Batier / X Filme 2017

So hat man den Alex noch nie gesehen. Mit einer historischen Tram fahren wir auf den Platz. Überall hasten Passanten in 20er-Jahre-Kostümen vorbei. Drumherum keine modernen Einkaufspaläste aus Glas, nur Bauten aus jener Zeit, ein intakter, homogener Platz. Wie Berlin 1929 aussah, das kennen wir aus zahllosen Fotografien. Aber kaum aus Filmbildern.

Als Phil Jutzi 1931 Döblins erst zwei Jahre alten Roman „Berlin Alexanderplatz“ verfilmt hat, hat man auch schon die Kamera auf den Platz gestellt, musste aber alles in Babelsberg nachbauen. Weil es der erste Tonfilm für alle Beteiligten war und man bald feststellte, dass es viel zu laut war für die damaligen Mikros. Als Rainer Werner Fassbinder sich 50 Jahre später an eine erneute Verfilmung machte, hat er den Großteil gleich im Studio und noch nicht mal in Berlin, sondern in den Münchener Bavaria-Ateliers gedreht.

Der Fernsehturm muss weg

Jetzt aber kann man sich zum ersten Mal in einem großen Epos voller Panoramaeinstellungen und Drohnenkameras wirklich ein Bild machen, wie die Stadt anno dunnemals ausgesehen hat. Tom Tykwer hat im Mai vergangenen Jahres vor der Weltzeituhr gestanden, auf einem völlig abgeriegelten Platz, umringt von Statisten, die noch auf mondän oder schmutzig geschminkt wurden.

Er guckte nach links: „Da ist der Fernsehturm. Den müssen wir wegmachen.“ Dann drehte er sich nach rechts: „Wir dachten, wir müssten das alles künstlich machen, aber dann fiel uns auf: Das wurde drei Jahre vor unserem Dreh gebaut. Also drehen wir doch hier. Und bauen uns den Rest dazu.“

Babylon Berlin“, die 16-teilige Serie nach Volker Kutschers Kriminalroman „Der nasse Fisch“, ist das bislang teuerste und ehrgeizigste Projekt des deutschen Fernsehens. Nicht nur wegen des Budgets von 40 Millionen Euro, der 180 Drehtage, 300 Sprechrollen und Heeren von Statisten. Geradezu historisch ist die Entscheidung, dass neben Tykwers Stammfirma, der Produktionsfirma X Filme, erstmals ein öffentlich-rechtlicher Sender, die ARD, und ein Pay-TV-Sender, Sky, zusammengearbeitet haben. Anders hätte das Mammutprojekt gar nicht realisiert werden können.

Von Anfang an wurde groß gedacht. Den Krimi nicht nur als Zwei- oder Dreiteiler zu verfilmen, sondern als Serie, in gleich zwei Staffeln zu je acht Folgen. Wo man sonst bei Buchverfilmungen zahlreiche Kürzungen und Verstümmelungen hinnehmen muss, wurden hier im Gegenteil zahllose Handlungsstränge und Figuren hinzuerfunden. Das aber entspricht durchaus den Intentionen des Autors: Kutscher wollte ja nicht nur einen historischen Krimi entwerfen, solche gibt es zuhauf. Sondern ein Sittengemälde entwerfen, ein Zeitbild jener Epoche durch alle Schichten und Milieus, hierin Döblins Jahrhundertroman nicht unähnlich.

Und auch Kutscher hat von Anfang an seriell gedacht. Jeder seine Krimis um den Kommissar Gereon Rath pringt ein Jahr weiter und spielt an einem Schlüsseldatum, wie der „Blutmai“ 1929 im ersten Roman, der 2003 erschien. In den bislang sechs erschienenen Romanen wird Stück um Stück auch geschildert, wie die Weimarer Republik zunehmend in die NS-Diktatur kippt. Und das ganz aus der Perspektive der Figuren. Also ohne das historische Wissen von uns Nachgeborenen. Auf acht Bände hat Kutscher seine Reihe angelegt, bis zu den Olympischen Spielen 1936. Danach, meinte er, wäre der braune Sumpf zu unerträglich. Da muss sein Kommissar entweder geflohen sein oder unter die Räder der Geschichte kommen.

Inzwischen, beflügelt durch den Erfolg der Reihe und vielleicht auch durch das ehrgeizige Filmprojekt, überlegt er, doch weiterzumachen. Auch die Filmemacher planen schon weiter. Man hat nicht erst einen Pilotfilm gedreht und dann gewartet, wie der ankommen würde. Nein, siegesgewiss hat man zwei Staffeln abgedreht. Und schreibt jetzt bereits an der dritten. Und auch Tykwer und seine Mitstreiter Achim von Borries und Henk Handloegten schwärmen von ihrem „Sittengemälde“, von dem „Stadtfilm“, den sie da entworfen haben.

Möglich wurde das nur durch eine ungewöhnliche Kulisse: die Neue Berliner Straße der Filmstudios Babelsberg. Es gab bekanntlich eine ältere, die 1998 eigens für den Film „Sonnenallee“ gebaut wurde und dann für zahllose, auch internationale Produktionen wie „Der Pianist“, „Der Vorleser“ oder „Inglourious Basterds“ die Kulisse bot. Doch das Areal war nur gepachtet und musste 2013 abgerissen werden.

Heute steht dort der Campus der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf. Doch auf eine Allzweck-Außenkulisse wollte das Studio nicht verzichten. Deshalb wurde diesmal ein Grundstück gekauft. Dann wartete man wie bei „Sonnenallee“auf ein passendes Projekt zum Start. „Babylon Berlin“ war wie gemacht dafür.

Analoge Zeit, digital gefilmt

Die alte Berliner Straße war 130 Meter lang und hatte 26 Häuserfassaden. Die Neue Berliner Straße ist drei mal so groß, verfügt über 54 Häuserfassaden und ist quadratisch angeordnet. Vier Straßenzüge: Da konnten zeitgleich die mondäne Friedrichstraße, das Arbeitermilljöh im Wedding, das kriminelle Kreuzberg und das bürgerliche Charlottenburg entstehen.

Und der große Vorteil: Während in der einen Straße gedreht wurde, konnten in den anderen schon die nächsten Szenen hergerichtet werden. Bewusst hat das Karree drei große Öffnungen: Dort kann dann per Computertechnik die Skyline jedweder Stadt hineinmontiert werden. Sie haben digital gedreht in einer ganz und gar analogen Welt: „Das“, sagt Tykwer, „beißt sich manchmal. Dabei ergeben sich aber auch interessante Reibungspunkte.“

Dennoch wurde die Serie nicht nur in diesem Riesenquadrat gedreht. Anders als die meisten klassischen Serienformate sind die gleich drei Filmteams wirklich in jede Pore der Stadt gezogen, haben für Innenaufnahmen Stätten wie das Rote Rathaus, das Schloss Hubertushöhe, das Berliner Ensemble oder die Kleine Nachtrevue aufgesucht. Und haben den blutigen 1. Mai 1929, als die Berliner Polizei demonstrierende Arbeiter niederknüppelte und bürgerkriegsähnliche Zustände auslöste, mit Statistenheeren am Hermannplatz gedreht.

Weil es nur noch wenige historisch intakte Ecken in der Bundeshauptstadt gibt, aber vor allem auch, weil Filmprojekte in anderen Ländern weit großzügiger bezuschusst werden, wandern viele Filmprojekte etwa nach Ungarn oder London ab. Das ist dann schmerzlich zu sehen, wenn ein Prestigeprojekt wie kürzlich „Charité“ etwas über Berlin erzählen will und doch deutlich woanders gedreht wurde. „Babylon Berlin“ ist die erste historische Berlin-Serie, die komplett hier gedreht wurde und den den vibrierenden Moloch, der Berlin damals war, in all seinen Facetten aufgreift. Und das in staunenerregenden Bildern.

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