Pünktlich zur Bundestagswahl setzt das Grips Theater ein Stück über den anschwellenden Fremdenhass auf den Spielplan. „Heimatkleid“ von Kirsten Fuchs in der Regie von Tim Egloff erlebte am Donnerstagabend seine Uraufführung im Podewil und ließ sein junges Publikum (das Stück ist ab 16 Jahren) aufgewühlt, aber begeistert zurück.
Die Inszenierung versucht zu ergründen, wie es eigentlich aussieht, wenn Nationalismus hip wird. Mit dem Bericht über ein „Heimatkleid“ für den Fashionblog ihrer Schwester stellen sich der Protagonistin Claire bald weitaus wichtigere als nur Modefragen. Sie wird umwerfend gespielt von Katja Hiller, die in dem gut eine Stunde dauernden Solo in verschiedene Rollen schlüpft, meist jedoch aus der Perspektive von Claire erzählt.
Die soll ein Jahr lang Hund und Wohnung ihrer Schwester hüten und gerät in ihrer neuen Nachbarschaft in unerwartete Konflikte. Tom Jauer, in den sich Claire verliebt und der sie bald politisch zu agitieren beginnt, und der syrische Flüchtling Al Sayed stehen an den Polen dieses Spannungsfeldes.
Rechtsnationale Milieus als Nährboden
Alles beginnt mit dem Interview beim Modelabel „Heimatkleid“, das mehr politisch als ästhetisch inspiriert ist. Labels namens „Deutsches Gewand“ und ähnliche Kollektionen gibt es tatsächlich - Nährboden für deren Geschäftspraxis sind das Erstarken rechtsnationaler Milieus wie der AfD oder der sogenannten Identitären Bewegung. Auf sie ist diese Theaterstudie natürlich gemünzt, mit dem Thema ist Kirsten Fuchs hautnah am Puls der Zeit.
Der Kniff von Fuchs besteht darin, dass ihre Protagonistin politisch völlig naiv ist. Claire denkt sich nichts wegen des Interviews und wundert sich, warum vor der Ladentür „Nazis raus!“ gebrüllt wird. Was ist so schlecht daran, nachhaltig zu produzieren? Und wieso nicht in Deutschland? So vieles spricht für das „Heimatkleid“ und erst einmal gar nichts dagegen. Ein schönes Kleid! Doch schon ist das Fashion- ein Fascho-Opfer.
Es ist diese subtile Vereinnahmung, die in dem Stück nachvollziehbar gemacht wird. AfD-Bashing ist einfach zu haben, Jugendlichen auf emotional packende Weise vor Augen zu bringen, warum bestimmte Agitationsmuster so leicht greifen, wesentlich komplizierter. Fuchs gelingt das bravourös. Viele treffende Metaphern fallen ihr ein: Einen gefledderten Wäschesack im Hof assoziiert sie mit den Bildern schrecklicher Flüchtlingsdramen, die rassistische Weltsicht des Nachbarn wird beim Auspacken von Gewürzen veranschaulicht und die Argumentationsstrategie der Modemacherin Claudia Kappelt á la „Ich bin kein Nazi, aber…“ mit der Analogie „Ich fresse keine Kinder, aber…“ entlarvt.
Der übergroße deutsche Schäferhund, der die Bühne grundiert, gewinnt plötzlich viele Facetten. Er kann ein friedliches Haustier abgeben oder mit gefährlich blitzenden Augen eines zum Sprung bereiten Jägers Angst verbreiten. Beides ist möglich - doch man kann sich entscheiden. Ein tolles, ein wichtiges Stück zur richtigen Zeit.
Grips Theater, Altonaer Straße 22, Tiergarten, Tel.: 3974740, grips-theater.de; "Heimatkleid" läuft unter anderem an diesem Wochenende (Sa / So., jeweils 19:30 Uhr), am Wahlsonntag findet rund um die Aufführung eine große Wahlparty für Jugendliche im Podewil statt


